selbstbewertende emotionen scham und schuld

scham-und-schuldgefuehle

die emotionen scham und schuld gehören zu den sogenannten selbstbewusstseins- (tangney, wagner, & gramzow, 1992), selbstvorwurfs- (ortony, clore & collins, 1988, zitiert nach roos, 2000) und übertretungsemotionen (roos, 2000). sie können von den basisemotionen (freude, wut, furcht, ekel, traurigkeit, überraschung) abgegrenzt werden, welche in der entwicklung früher auftreten und kognitiv weniger komplex sind (tracy & robins, 2004). selbstbewertende emotionen entstehen durch einen ist soll- vergleich. dabei wird das aktuelle selbst beziehungsweise eigene verhaltensweisen mit ethischen und moralischen sollwerten verglichen (tangney & dea-22ring, 2002). scham- und schuldgefühle sind dabei stark abhängig von dem normativen und kulturellen regelsystem einer gesellschaft, welches in sozialen konventionen, moralischen normen und gesetzlichen regeln seinen ausdruck findet. bei übertretung dieses regelsystems signalisieren sie den betroffenen, dass etwas nicht in ordnung ist. über vermittlung und einhaltung von sozialen verhaltenserwartungen dienen sie u.a. der aufrechterhaltung der kulturellen stabilität einer gesellschaft (schultheiss, 1997).

ein weiterer punkt zur begreifbarkeit bezieht sich auf die phänomenologie und den u.a. daraus folgenden handlungsimpulsen. so sind die gefühle entblößt, klein, hilflos und gelähmt zu sein charakteristisch für scham. physio- logisch kommt es zum erröten, einer gesenkten körperhaltung und einer vermeidung des blickkontaktes. es besteht der wunsch sich zu verstecken, zu verschwinden, allein zu sein. dies zeigt sich auch in der etymologie. scham leitet vom altgermanischen substantiv „scama“ ab, was beschämung oder auch schande bedeutet. die indogermanische wurzel davon, „kâm / kêm“, bedeutet „zudecken“, „verschleiern“, „verbergen“ (jaboby, S.1991, S. 14).

im gegensatz dazu sind schuldgefühle eher durch aktivere handlungsimpulse gekennzeichnet. gefühle der reue und eines schlechten gewissens führen zu dem wunsch nach wiedergutmachung, entschuldigung und zu versuchen der annäherung. für wurmser (2008) sind schuld mit stärke und macht und scham mit hilflosigkeit und ohnmacht verbunden. laut kim et al. (2011) und tangney et al. (1992) sind schuldgefühle eher von gefühlen des bedauerns und durch empathie begleitet als schamgefühle, die überwiegend mit wut, zorn und angst einhergehen. demnach besteht die funktion von schuldgefühlen in der wiederherstellung von sozialen beziehungen. die funktion von schamgefühlen ist weniger klar. kim et al. (2011) gehen davon aus, dass es darum geht, das soziale ansehen wieder herzustellen. für tangney et al. (1996) sind schamgefühle die primitiveren emotionen, die besonders auf früheren entwicklungsstufen bedeutsam werden, noch bevor sich eine kognitive komplexität entwickelt, um Schuldgefühle empfinden zu können.

scham- und schuldgefühle scheinen bei sexualisierter gewalt besonders häufig vorhanden zu sein. amstadter und vernon (2008) fanden in ihrer studie heraus, dass die posttraumatischen emotionen scham und schuld bei sexualisierter gewalt höher sind als bei anderen arten der traumatisierung. so kann die überschreitung von körperlichen wie seelischen grenzen und die damit verbundene verletzung der seelischen integrität zu massiven gefühlen der erniedrigung, des ekels, der scham und der schuld führen (völker 2002). in einer studie von weiss (2010) berichteten 75% der betroffenen nach einer vergewaltigung über schamgefühle. es kommt zu einer tiefen verunsicherung des körpers, die opfer fühlen sich entwürdigt und beschmutzt. für krause (1993) lassen sich die entstanden schuldgefühle durch therapeutische unterstützung leichter aufarbeiten, wohingegen schamgefühle meist ein leben lang bestehen bleiben. oftmals müssen die betroffenen nicht nur mit der tat an sich umgehen, sondern es scheint, als bringe es sie auch vermehrt an die grenze von gesellschaftlichen tabus, ideologien und stigmatisierungen. so herrschen trotz steigender gesellschaftlicher sensibilisierung im kulturellen und sozialen kontext meist eher ungünstige vorannahmen vor. sogenannte „rape myths“ (lonsway & fitzgerald, 1994, zitiert nach moor & farchi, 2011, S. 448ff) führen dazu, dass die betroffenen selbst für die tat (mit-) verantwortlich gemacht werden. zusätzlich werden in vielen kulturen die betroffenen und dessen familien als schändlich angesehen (weiss, 2010).

die WHO (2002) sieht die u.a. dadurch aufkommenden massiven scham- und schuldgefühle als risikofaktor für eine nicht-sichtbarmachung der gewalt. zusätzlich kann der den betroffenen auferlegte zwang zur geheimhaltung die scham-und schuldgefühle weiter verstärken (finkelhor & browne, 1985).

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