bäume: der baum und seine heilende kraft

bäume der welt

wie sehr wir uns doch danach sehnen, ein wachstum wie ein baum zu vollbringen – den umfang und die verwurzelung, die standhaftigkeit und die ausgeglichenen proportionen oben und unten, wie er sich den jahreszeiten anpasst, spärlich belaubt oder aufblühend seinen platz behauptet. jede art von lebewesen nistet im schutz des baumes, unter seinen mütterlich ausgestreckten zweigen, versteckt sich in seinen höhlungen und nährt sich von seiner substanz.
unsere hominiden vorfahren lebten auf bäumen und verliessen sie nur, als perioden der eiszeit die urwälder schrumpfen liessen. die fertigkeit unserer hände und die kraft unserer extremitäten entwickelten sich, als wir auf bäumen herumkletterten und schaukelten. wir scheinen etwas mit dem baum gemeinsam zu haben: einen aufrechten rumpf, lange arme, schmale finger und die zehen auf der erde. in mythen werden menschen manchmal in bäume verwandelt und das säuseln eines baums und seine harzigen tränen sind sowohl baumgerecht als auch menschlich und bringen ausdauer, verstrickung und auch bindung zum ausdruck. wir haben unsere seele und es scheint, als sei der baum von einem geist belebt, den wir uns als schlange, als vogel oder als flaschengeist vorgestellt haben, der in einer flasche an den wurzeln vergraben ist. der baum führt uns vor, wie ein selbst aus dem potential eines winzigen, nackten samens in ein in sich ruhendes und in sich abgeschlossenes dasein wächst, um das herum sich unablässig prozesse des stoffwechsels, der vermehrung, des verendens und der selbsterneuerung abspielen.

über tief reichende wurzeln sowie milionen und abermilionen systematisch verlaufender , fadenartiger gefäße im stamm und in den zweigen, werden wasser und mineralien aus der erde in die blätter eines baums befördert. der baum hält seine flachen, perforierten blätter so weit wie möglich hoch, um aus der luft kohlendioxid zu absorbieren und wärme von der sonne aufzunehmen. das chlorophyll, das den blättern die grüne farbe verleiht, fängt aus dem sonnenlicht photonen ein und spaltet wassermoleküle. dadurch wird sauerstoff in die atmosphäre freigesetzt, und wir können atmen (tudge, 252ff). ein baum kann selbst aus abgestorbenem material nährstoffe beziehen, er nimmt sein eigenes verrottetes laubwerk sowie tierische und pflanzliche abfälle aus des erdreichs auf.

wir haben die körper unserer toten auf bäumen bestattet, uns auf die wiedergeburt wartend in ihrem geäst gewiegt oder uns wie ein embryo in einem ausgehöhlten baumstamm zusammengekauert, denn der baum symbolisiert regeneration und reicht gen himmel und in die unterwelt die gefilde der ewigkeit. und so ist der baum auch ein kosmos, der psychische sphären der stärkung, der kreativität und der raum- und zeittranszendierenden initation umfasst. in skandinavischen mythen reicht eine der drei mächtigen wurzeln der kosmischen esche oder eibe yggdrasil tief hinab in das reich der frostriesen. hier ist mimirs urquell zu finden, dem die wasser der weisheit und des wissens entströmen. eine andere wurzel dort sich in das reich der toten hinab, während unter der dritten asgard liegt, das domizil der götter ( orchard, 186). ganz in der nähe leben die nornen, die drei schwestern, die das netz des schicksals spinnen und den baum aus der heiligen quelle von urd wässern. derweil knabbern zeigen und hirsche an den blättern und der rinde yggdrasils, und die riesenschlange nidhogg kaut auf seinen wurzeln herum. ein prachtvoller adler hockt auf dem höhsten ast, und das eichhörnchen ratatosk rennt den stamm hinauf und hinunter und überbringt vom vogel oben und der schlange unten jeweils gegenseitige beleidigungen und hält so die ewige spannung und das gleichgewicht zwischen den gegensätzen aufrecht (davidson, 26-27).

die alchemie hat den baum zu einem zentralen symbol ihres opus erkoren. denn der baum veranschaulichte das wesen eines intensiven innenlebens, und einer entwicklung die ihren eigenen gesetzten folgt und das „immergrüne“ im jeden einzelnen aufzeigen kann. die alchemisten vergassen nicht, dass ein baum nicht nur eine stätte erwachenden neuen lebens, sondern auch des leids sein kann – mythischen hinterlassenschaften von opfer, marter, selbstmord, hinrichtung und umkehr. ein von schlangen oder drachen bewachter schatz an den knorrigen wurzeln eines baums verwies auf die schwerigkeit das ziel zu erreichen, die gewinnung des selbst aus dem wirr unbewusster einflüße. gleichwohl wurde der baum in intuitiven fantasien dargstellt, als trüge er sonne, mond und sterne als leuchtende, goldene und silberne früchte, als hingen die „metalle“ der planeten von seinen ästen herab oder als sei er voller blüten und von singenden vögeln bevölkert. all dies drückt spirituelle erleuchtung aus, die einbeziehung vieler unterschiedlicher lebenskräfte und zeugt von einer befruchtenden vorstellungskraft die für den symbolischen prozess wesentlich ist. an erster stelle steht die wunderbare symmetrie der baumkrone, die für die verbindung der gegensätze steht. doch während die alchemisten dies als vollendung des werks betrachteten, folgen in der wirklichkeit des baums – und auch der psyche – solchen momenten der erfüllung gewöhnlich neue zyklen der trockenheit und des wachstums. ( literatur: davidson.hilda roderick ellis. gods and myths of northern europe. the tree: a natural history of what tree are. how they live, and why they matter. new york. 2006)

wenn bäume erzählen könnten , könnten bäume erzählen, würden sie berichten was sie in ihrem viele menschenleben und generationen umfassende dasein gesehen haben. freud und leid währen die themen, tod und mord, wahrheit mischte sich mit gerücht, triviales mit erhabenem. sie berichteten über seuchen, kriege, zerstörungen, über das werden und vergehen von dorfgemeinschaften, über die entwicklung der städte, der kapellen und dome.
aber auch die „zeugen“ selbst besitzen eine wechselvolle geschichte. zahlreiche bäume starben z.b. in den lodernden flammen des letzten krieges. einige angekohlt zwar doch lebendig, trieben wieder aus, die brandmahle blieben als mahnzeichen. und was wird nicht alles besprochen unter den linden und kastanien der biergärten. alltagssorgen tauscht man hier aus, es wird angebandelt, erfolg und misserfolg im gerstensaft ertränkt. am wegesrand im wald tragen bestimmte bäume alte tafeln, die zu namens- und feiertagen mit blumen geschmückt sind: sehr oft erzählen sie vom tod eines holzfällers, jägers, wilderers oder bauern durch fallende bäume. wer weiss schon, das der beruf des holzfällers und waldarbeiters trotz aller technischen neuerungen auch heute noch zu den gefährlichsten zählt? in unserer zeit berichten die tafeln über den tod von autofahrern. unter bäumen vergrub man schätze, um sie vor dieben wie von plündernden kriegshorden in sicherheit zu bringen. geplagte bauern bewahrten dort ihre notgroschen auf. bis zum heutigem tage liegen zwischen baumwurzeln schätze verborgen, die irgendwann einmal in vergessenheit gerieten. gelegentlich berichten die zeitungen von zufälligen funden an entsprechenden orten. (literatur: rainer kiedrowski,bäume dieser welt)

der baum 

es war einmal ein gärtner. eines tages nahm er seine frau bei der hand und sagte: „komm, frau, wir wollen einen baum pflanzen“. die frau antwortete:“wenn du meinst, mein lieber mann, dann wollen wir einen baum pflanzen“. sie gingen in den garten und pflanzten einen baum.

es dauerte nicht lange, da konnte man das erste grün zart aus der erde sprießen sehen. der baum, der eigentlich noch kein richtiger baum war, erblickte zum ersten mal die sonne. er fühlte die wärme ihrer strahlen auf seinen blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. er begrüsste sie auf seine weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der welt zu sein und zu wachsen.

„schau“, sagte der gärtner zu seiner frau, „ist er nicht schön unser baum?“ und seine frau antwortete: „ja lieber mann, wie du schon sagtest: ein schöner baum!“

der baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der sonne entgegen. er fühlte den wind und spürte den regen, genoss die warme und feste erde um seine wurzeln und war glücklich. und jedes mal, wenn der gärtner und seine frau nach ihm sahen, ihn mit wasser tränkten und ihn einen schönen baum nannten, fühlte er sich wohl. denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. er wurde lieb gehabt und auf die art und weise gepflegt fühlte er sich nicht anders als die anderen bäume die alle in der welt verstreut waren.

so wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, wind und regen spüren, erde und sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben. eines tages merkt der baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die sonne mehr auf seine blätter und das mochte er sehr. also wuchs er jetzt ein wenig nach links.

„schau“, sagte der gärtner zu seiner frau, „unser baum wächst schief.

seit wann dürfen bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem garten? ausgerechnet unser baum! gott hat die bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, frau? seine frau gab ihm natürlich recht. „du bist eine kluge und gottesfürchtige frau“, meinte daraufhin der gärtner. „hol also unsere schere, denn wir wollen unseren baum gerade schneiden“.

als der baum das hörte, fing er an zu weinen. die menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die äste ab, die der sonne am nächsten waren. er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. er konnte nicht begreifen. aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. und sie sagten, dass ein richtiger baum gerade wachsen müsse. und gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. also musste es wohl stimmen. er wuchs nicht mehr der sonne entgegen. „ist er nicht brav, unser baum?“ fragte der gärtner seine frau. „sicher lieber mann“, antwortete sie „du hast wie immer recht. unser baum ist ein braver baum.“

der baum begann zu verstehen. wenn er machte, was ihm spass und freude bereitete, dann war er, anscheinend ein böser baum. er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der gärtner und seine frau von ihm erwarteten. also wuchs er jetzt strebsam in die höhe und gab drauf acht, nicht mehr schräg zu wachsen.

„sieh dir das an“, sagte der gärtner eines tages zu seiner frau, „der baum wächst unverschämt schnell in die höhe. gehört sich das für einen rechten baum?“ seine frau antwortete: „aber nein, lieber mann, das gehört sich natürlich nicht. gott will, dass bäume langsam und in ruhe wachsen. und auch unser nachbar meint, dass bäume bescheiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam.“ der gärtner lobte seine frau und sagte, dass sie etwas von bäumen verstehe und dann schickte er sie die schere holen, um dem baum die äste zu stutzen.

Sehr lange weinte der baum in dieser nacht. warum schnitt man ihm einfach die äste ab und wer war dieser gott, der angeblich gegen alles war, was spass machte?

„schau her frau“ sagte der gärtner, „wir können stolz sein auf unseren baum.“ und seine frau gab ihm, wie immer, recht. der baum wurde trotzig. nun gut, wenn nicht in die höhe, dann eben in die breite. sie würden ja schon sehen wohin sie damit kommen. schließlich wollte er nur wachsen, sonne, wind und erde fühlen, freude haben und freude bereiten. in seinem inneren spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. also wuchs er jetzt in die breite.

„das ist doch nicht zu fassen“. der gärtner holte empört die schere und sagte zu seiner frau: „stell dir vor unser baum wächst einfach in die breite. das könnte ihm so passen. das scheint ihm ja gerade zu spaß zu machen, so etwas können wir auf keinen fall dulden!“ und seine frau pflichtete ihm bei: „das können wir nicht zulassen, dann müssen wir ihn eben wieder zurechtstutzen.“

der baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine tränen mehr. er hörte auf zu wachsen. ihm machte das leben keine rechte freude mehr. immerhin, er schien nun dem gärtner und seiner frau zu gefallen. wenn auch alles keine rechte freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. so dachte der baum.

viele jahre später kam ein kleines mädchen mit seinem vater am baum vorbei. er war inzwischen erwachsen geworden. der gärtner und seine frau waren stolz auf ihn. er war ein rechter und anständiger baum geworden. das kleine mädchen blieb vor ihm stehen. „papa findest du nicht auch, dass der baum hier ein bisschen traurig aussieht?“, fragte es. „ich weiß nicht“, sagte der vater. „als ich so klein war wie du , konnte ich auch sehen, ob ein baum fröhlich oder traurig ist. aber heute sehe ich das nicht mehr. „der baum sieht wirklich ganz traurig aus.“ das kleine mädchen sah mitfühlend den baum an. „den hat bestimmt niemand richtig lieb. schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. und deshalb ist er jetzt traurig.“

„vielleicht“, antwortete der vater versonnen. „aber wer kann schon wachsen wie er will?“ „warum denn nicht?“, fragte das mädchen. „wenn jemand den baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch so wachsen lassen, wie er selber will, oder nicht? er tut doch niemanden etwas zuleide.“ erstaunt und schließlich erschrocken blickte der vater sein kind an. dann sagte er: „weisst du, keiner darf so wachsen, wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten“.

„das verstehe ich nicht, papa!“ „sicher, kind, das kannst du noch nicht verstehen. auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. auch du durftest nicht.“ „aber warum den nicht, papa? du hast mich doch lieb und mama hat mich auch lieb, nicht wahr?“

der vater sah sie eine weile nachdenklich an. „ja“, sagte er dann, „sicher haben wir dich lieb.“ sie gingen langsam weiter und das kleine mädchen dachte noch lange über dieses gespräche und den traurigen baum nach.

der baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. dann begriff der baum… und er begann hemmungslos zu weinen.

in dieser nacht war das kleine mädchen sehr unruhig. immer wieder dachte es an den traurigen baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der morgen zu dämmern begann. natürlich verschlief das mädchen an diesem morgen. als es endlich aufgestanden war, wirkte sein gesicht blass und stumpf.

hast du etwas schlimmes geträumt?“ fragte der vater. das mädchen schwieg, schüttelte dann den kopf. auch die mutter war besorgt: „was ist mit dir?“

und da brach schließlich doch all der kummer aus dem mädchen. von tränen überströmt stammelte es: „der baum! er ist so schrecklich traurig. darüber bin ich so traurig. ich kann das alles einfach nicht verstehen.“ der vater nahm die kleine behutsam in seine arme, ließ sie in ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. dabei wurde ihr schluchzen nach und nach leiser, und die traurigkeit verlor sich allmählich. plötzlich leuchteten die augen des mädchens auf, und ohne dass die eltern etwas begriffen, war es aus dem haus gerannt.

wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die arme nimmt, geht es dem baum vielleicht ähnlich – so dachte das mädchen. und als es ein wenig atemlos vor dem baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. scheu blickte die kleine um sich. als sie niemanden in der nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den händen über die rinde des baumes. leise flüsterte sie dabei: „ich mag dich, baum. ich halte zu dir. gib nicht auf, mein baum!“ nach einer weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur schule musste. es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein geheimnis und eine hoffnung.

der baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. er konnte nicht glauben, dass das streicheln und die worte ihm galten – und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm.

als das mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. dann schüttelte er seine krone leicht im wind, vielleicht ein bisschen zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. oder vielleicht doch nicht? in einem kleinen winkel seines baumherzens hoffte er nur, dass es kein traum gewesen war. auf dem heimweg von der schule war das mädchen nicht allein. trotzdem ging es dicht an dem baum vorbei, streichelte ihn im vorübergehen und sagte leise: „ich mag dich, und ich komm bald wieder.“ da begann der baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames gefühl regte sich in einem kleinen ast. Die mutter wunderte sich, dass ihre tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. auf alle fragen der eltern lächelte die kleine nur und behielt ihr geheimnis für sich.

immer wieder sprach das mädchen nun mit dem baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. er verhielt sich still, rührte sich nicht. aber in seinem innern begann sich etwas immer stärker zu regen. wer ihn genau betrachtete, konnte sehen, dass seine rinde ganz langsam eine freundlichere farbe bekam. das mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr. der gärtner und seine frau, die den baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam.

den baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was lachen und freude ist – und leben. eines tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines mädchen mit dem baum zu reden schien. zuerst hielten sie es einfach für eine kinderei, aber mit der zeit wurden sie doch etwas neugierig. schließlich nahmen sie sich vor, bei gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll.

und so geschah es dann auch. das mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war – das traute es sich nicht. endlich gab die kleine sich einen ruck, dachte: „warum eigentlich nicht?“ und erzählte die wahrheit.

der gärtner und seine frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame weise unsicher, ohne zu wissen, warum. ganz schnell gingen sie wieder ins haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse. aber die geschichte ließ sie nicht mehr los. ein paar tage später waren sie wie zufällig in der nähe des baumes, als das mädchen wiederkam.

dieses mal fragte es die gärtnersleute, warum sie denn den baum so zurechtgestutzt haben. zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten wochen ein freundlicheres aussehen bekommen hatte. sie wurden sehr nachdenklich. die frau des gärtners fragte schließlich: „meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?“„ich weiß nur“, antwortete das mädchen, „dass der baum traurig ist. und ich finde, dass das nicht sein muss. oder wollt ihr einen traurigen baum?“„nein!“ rief der gärtner. „natürlich nicht. doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen baum.“ und die gärtnersfrau fügte hinzu: „wir haben es doch nur gut gemeint.“„ja, das glaube ich“, sagte das mädchen, „ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den baum sehr traurig gemacht. schaut ihn doch einmal genau an!“ und dann ließ sie die beiden alten leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren gefühl, dass nicht nur der baum liebe brauchen würde.

der gärtner und seine frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame mädchen und das gespräch nach. immer wieder blickten sie verstohlen zu dem baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. und eines tages sahen auch sie, dass der baum zu oft beschnitten worden war. sie hatten zwar nicht den mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er wollte. das mädchen und die beiden alten leute sprachen oft miteinander – über dies oder das und manchmal über den baum.

gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. voller lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine glieder räkeln und strecken. dann wuchs er in die breite, als wolle er die ganze welt in seine arme schließen, und in die höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. auch wenn der gärtner und seine frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller freude, dass das mädchen den baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.

voll freude beobachtete das mädchen, dass es dem gärtner und seiner frau beinahe so ähnlich erging wie dem baum. sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das lachen und die freude wieder und stellten eines tages fest, dass sie wohl manches im leben falsch gemacht hatten. auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den rest ihres lebens anders gestalten. sie sagten auch, dass sie gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn gott sei schließlich leben, liebe und freude und kein gefängnis. so blühten gemeinsam mit dem baum zwei alte menschen zu neuem leben auf.

es gab keinen garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener baum stand. oft wurde er jetzt von vorübergehenden bewundert, was der gärtner, seine frau und das mädchen mit stillem, vergnügtem lächeln beobachteten. am meisten freute sie, dass der baum all denen mut zum leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.

diesen menschen blickte der baum noch lange nach – oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. und manchmal begann er dann, so dass es sogar einige menschen spüren konnten, tief in seinem herzen glücklich zu lachen. (ein beitrag von heinz körner)

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