beziehung: und die bedeutung der bindung für unsere entwicklung

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wie die frühe bindungserfahrung unsere beziehungsqualität prägt

für die frühkindliche entwicklung spielt die bindung eine zentrale rolle und braucht freiräume, um sich entfalten zu können. eine innige eltern-kind-beziehung ist auch ergebnis eines feinfühligen erziehungsstils, der sich im zusammenspiel von körperlicher nähe und liebevollem eingehen auf die bedürfnisse aller familienmitglieder und die des kindes widerspiegelt.

stillen ist ein natürlicher weg, eine nicht auf schaum gebaute mutter-kind-bindung zu etablieren und wird in seiner bedeutung für die physische wie psychische gesundheit von säuglingen häufig unterschätzt. die moderne forschung stützt diese thesen, z. b. durch erkenntnisse aus dem bereich der  epigenetik und der hirnphysiologie.

in den vergangenen jahrhunderten haben die pädagogik und die psychologie große wandel durchlaufen und dabei ein bewusstsein dafür entwickelt, dass kinder keine „zu klein geratenen erwachsenen“ sind, sondern eine eigene erlebnis- und erfahrungswelt mitbringen und es eines unkonventionellen und freien umgangs mit ihnen bedarf, wenn wir wollen, dass sie sich seelisch, körperlich und geistig in einer gesunder umgebung und einem liebevollem umfeld als ein menschliches wesen wahrnehmen und persönlich entwickeln können. die wichtigkeit von bindung für die kindliche entwicklung ist heute unumstritten und bildet die grundlage für viele pädagogische und psychologische konzepte. zunehmende bedeutung beigemessen wird in diesem zusammenhang auch dem stillen als zentralem bestandteil zum aufbau einer innigen mutter-kind-beziehung.

die kulturelle normen und die frage welches verhalten als angemessen und „normal“ – eben einer bestimmten norm entsprechend – empfunden wird, ist stark vom kulturellen kontext abhängig. in jeder gesellschaft wird von ihren mitgliedern für bestimmte gegebenheiten ein spezifisches verhalten erwartet, beispielsweise bezüglich der frage, was als höfliches oder respektvolles verhalten angesehen wird. der umgang mit trauer ist ein prägnantes beispiel: lautes klagen, zerreißen der kleider oder ähnliche rituale stehen dem stillen rückzug gegenüber. je nach kultur können die vorgaben für erwartetes verhalten sehr rigide sein oder sehr großzügig ausgelegt werden. im wandel der epochen verändern sich regeln und vorstellungen und somit immer auch der begriff der „störung“, also eines verhaltens, das nicht den erwartungen entspricht.

säuglinge werden gewissermaßen „kulturell universell“ geboren, zumindest, was ihre elementaren bedürfnisse nach zuwendung, nahrung, schlaf und ihr verhalten betrifft, das in den ersten lebenswochen weltweit nahezu identisch ist. dass kinder schließlich im lauf ihres lebens bis zum erwachsenwerden eine sozialisation durchlaufen und sich dabei in die kultur einpassen, in der sie aufwachsen, erfordert ein hohes maß an anpassungsfähigkeit von ihrer seite. menschen haben von früher kindheit an ein großes bedürfnis, sich in bestehende gruppen einzufügen und ihren platz dort zu finden. kinder sind dabei besonders verletzlich und anfällig – sie sind nicht nur psychologisch, sondern ja tatsächlich auch physisch existenziell von den sie umgebenden personen abhängig .

die moderne entwicklungspsychologie, und darauf basierend die moderne pädagogik, ist sich daher der großen verantwortung bewusst, den natürlichen bedürfnissen von kindern möglichst gerecht zu werden und sie zugleich dabei zu unterstützen, sich in ihrer jeweiliger kultur wohl zu fühlen.

der bindungstheorie und ihrer bedeutung für die seelische gesundheit von kindern wird heute der frage nach den frühkindlichen erfahrungen beigemessen und dabei insbesondere der bindung an verlässliche und liebevolle bezugspersonen. die mutter-kind-bindung nimmt einen sehr hohen stellenwert ein, aber auch die vater-kind-bindung und die beziehung zu weiteren familienmitgliedern und engen vertrauten sind von großer bedeutung.

die anfänge der bindungstheorie liegen in den 1950er und 60er jahren, als john bowlby und mary ainsworth sowohl den theoretischen hintergrund ihrer thesen formulierten, als auch mittels empirischer forschungen bahnbrechende erkenntnisse gewannen. erstmals entwickelten die beiden kollegInnen dabei auch prospektive studien im gegensatz zu den zuvor üblichen retrospektiven untersuchungen. die ethologischen forschungen von konrad lorenz, nikolaas tinbergen, harry harlow und anderen beeinflussten ebenfalls die entstehung der bindungstheorie oder entwickelten diese weiter. begriffe wie „urvertrauen“ und „bindungsqualität“ wurden eingeführt und es entwickelte sich die erkenntnis, dass menschen in hohem maße soziale wesen sind, die unterschiedliche verhaltenssysteme an den tag legen und unmittelbar mit ihrer umgebung interagieren.

die psychologische grundannahme der bindungstheorie ist, dass es eine natürliche verhaltensdisposition gibt, die uns bei bedrohung, angst oder trauer die nähe, den beistand und den schutz vertrauter personen suchen lässt. auf diese weise sichert das kleine kind sein überleben und erwachsene können als gemeinschaft besser gegenüber herausforderungen bestehen. dabei zeigen sich vor allem im verhalten von kindern typische muster: fühlt sich das kind bedroht, sucht es sofort die körperliche nähe der bezugsperson und reagiert, wenn diese nicht gleich auffindbar ist, mit großer unruhe und intensiver suche nach ihr. das stillen bietet daher folgerichtig mehr als reine nahrungsaufnahme: es tröstet und beruhigt, hilft über ängstigende situationen hinweg und wirkt auch körperlich schmerzlindernd.

in unvertrauten oder bedrohlichen situationen sind spiellust und explorationsfreude unterdrückt und sogar elementare bedürfnisse nach nahrungsaufnahme oder schlaf können dabei verdrängt werden. andere personen als die primären bezugspersonen können nicht oder nur geringfügig zur beruhigung beitragen. grossmann und grossmann (2006) schreiben in „bindungen – das gefüge psychischer sicherheit“: das bindungsbedürfnis des menschen ist genauso primär, stammesgeschichtlich vorprogrammiert und grundlegend wie sein bedürfnis nach nahrung, erkundung, sexualität und fürsorge für die jungen. jedem dieser grundbedürfnisse sind eigene verhaltenssysteme – die organisation und bedeutung von beobachtbarer mimik, lauten, gestik, bewegungen und nicht direkt beobachtbaren gefühlen und motiven – zugeordnet. sie werden bei einem mangelzustand in ihrem bedürfnisbereich aktiv und ruhen bei befriedigung.

vor allem im ersten lebensjahr ist die entwicklung einer sicheren bindung zu einer verlässlichen und feinfühligen bezugsperson von zentraler bedeutung für das kind. etliche forschungen haben gezeigt, dass die feinfühligen reaktionen der primären bindungsperson (meist der mutter) von entscheidender bedeutung für den weiteren verlauf des bindungsverhaltens des kindes und der entwicklung einer bestimmten bindungsqualität sind. ,ütterliche feinfühligkeit für die bedürfnisse ihres kindes ist eine wichtige voraussetzung für eine gelingende stillbeziehung und es besteht eine enge wechselbeziehung zwischen dem stillen und der entwicklung einer innigen mutter-kind-dyade im ersten lebenshalbjahr.

die bindungstheorie geht dabei davon aus, dass eine prompte reaktion auf ein kindliches bedürfnis (ausgedrückt z. b. durch weinen) keineswegs dieses verhalten verstärkt, so dass das kind etwa daraus lernt, immer häufiger zu weinen, sondern dass eine frühzeitige, liebevolle und zugewandte reaktion der mutter dem kind zeigt, dass es verstanden wurde und unterstützung erfährt, wenn es darum bittet. auf diese weise lernt das kind, sich differenziert auszudrücken und konstruktive lösungen mit hilfe der eltern zu entwickeln. die eltern wiederum lernen mit jeder gelungenen kommunikation, ihr kind besser zu verstehen und feinfühlig zu reagieren. verschiedene studien bestätigen diese thesen.

wenn sich ein kind nach der bezugsperson sehnt und sich innerlich bedroht fühlt, sprechen wir davon, dass sein bindungsverhalten aktiviert ist – es wird dann z.b. nach der mutter rufen, weinen, sich an sie klammern o. ä. wenn sich der bedrohliche zustand nicht auflösen lässt, weil die bezugsperson nicht verfügbar ist, zeigen die kinder typische trauerreaktionen mit verschiedenen stadien (betäubtsein/ erstarrung/apathie, wut/protest, verzweiflung/kummer, schuldgefühle).

die gelingende oder nicht gelingende interaktion zwischen kind und mutter hat auswirkungen auf sein späteres selbstbild und sein vertrauen in seine selbstwirksamkeit .

die sozioemotionale bindung an eine enge bezugsperson entwickelt sich nach und nach im ersten lebensjahr. dabei werden drei phasen unterschieden: die erste phase der unspezifischen sozialen reaktionen, die zweite phase der unterschiedlichen sozialen reaktionsbereitschaft und die dritte Phase des aktiven und initiierten zielkorrigierten Bindungsverhaltens.

die erste phase dauert von der geburt bis ins alter von circa zwei lebensmonaten und ist gekennzeichnet von typischen verhaltensweisen neugeborener wie beobachten von gesichtern, sich festklammern, sich anschmiegen usw., die zu diesem zeitpunkt noch nicht auf eine bestimmte zielperson gerichtet sind. häufiges und unreglementiertes stillen sichert nicht nur die ausreichende kalorienzufuhr für den sich rasant entwickelnden organismus, sondern bietet automatisch viel körperkontakt und gelegenheit, diese instinktiven verhaltensweisen zu üben und sich auf die zweite bindungsphase vorzubereiten.

in der zweiten phase bildet sich ein unterschied zwischen den reaktionen des säuglings auf die mutter und auf andere personen heraus. er streckt ihr die ärmchen entgegen, lächelt sie bevorzugt an oder lautiert mit ihr und lässt sich von ihr besser trösten als von anderen personen. in der dritten phase, die etwa mit dem beginn des zweiten Lebenshalbjahres eingeläutet wird, wird der Säugling mobil und kann nun selbst den Abstand zu seinen Bezugspersonen steuern. Sein Sozialverhalten wird differenzierter und ausgeprägte „Fremdelphasen“ treten auf. Bei Trennung von der Hauptbezugsperson zeigt das Kind deutliche Zeichen von Stress und Unruhe, weint, sucht und ruft nach ihr, wohingegen bei der Wiederkehr Erleichte- rung und Freude sichtbar werden. Typisch für diese Phase sind daher auch folgerichtig unruhigere Näch- te, die von häufigen, kurzen Phasen der Suche nach Rückversicherung geprägt sind. StillberaterInnen weltweit beobachten dieses Phänomen und empfehlen einen gelassenen und nachgiebigen, tröstenden Um- gang mit diesen (unbestreitbar anstrengenden) Phasen.

eine vierte phase der bindungsentwicklung wird erst später erreicht, wenn verbale kommunikation etabliert und ein kognitives verständnis von den absichten und motiven anderer erreicht wurde. diese phase bezeichnet man als zielkorrigierte partnerschaft.

um die bindungsqualität zu beurteilen, hat die bindungsforschung eine situation erdacht, in der das bindungsverhalten aktiviert wird, was immer dann geschieht, wenn eine bedrohliche oder unvertraute situation dazu führt, dass das kind schutz und rückversicherung sucht. das von mary ainsworth entwickelte, standardisierte test-verfahren, die so genannte „fremde situation“, wurde seither in unzähligen studien in variierter form für untersuchungen verwendet. in der klassischen variante werden kinder im alter von circa einem jahr für kurze zeit von ihrer mutter getrennt, wobei sie durch einweg-scheiben beobachtet werden.

es können vier verschiedene bindungstypen unterschieden werden, die sich aus den beobachtungen dieser situation ergeben: (a) sicher gebunden, (b) unsicher-vermeidend, (c) unsicher-ambivalent, (d) desorganisiert.

sicher gebundene kinder zeigen typischerweise folgendes verhalten: während die mutter nicht im raum ist, drücken sie unruhe und kummer aus. wenn die mutter zurückkehrt, sind sie sichtlich erleichtert, nehmen oft körperkontakt mit der mutter auf und spielen dann mit ihr zusammen fröhlich weiter, kuscheln sich eventuell weiterhin an sie.
unsicher gebundene kinder zeigen entweder kaum erkennbare reaktionen auf die abwesenheit der mutter, wenden sich von der mutter ab, wenn sie zurückkehrt (unsicher-vermeidend) oder sie sind von beginn an ängstlich, klammern sich fest, werden bei abwesenheit der mutter panisch und sind bei der rückkehr erkennbar zur mutter hingezogen, widersetzen sich aber gleichzeitig ihren versuchen, das kind zu beruhigen (unsicher-ambivalent).
es sind also keineswegs die scheinbar gleichmütigen, kontrollierten kinder, die sicher an ihre mutter gebunden sind – ein gut gebundenes kind ist in einer unvertrauten situation anhänglich und schutzbedürftig.
desorganisierte kinder zeigen völlig widersprüchliche oder bizarre verhaltensweisen, z. b. erstarrung oder
grimassieren. sie wirken blockiert und scheinen keine strategie zu haben, mit der situation umzugehen. diesen typus findet man besonders häufig bei missbrauchsopfern oder besonders insensitiven oder psychisch kranken müttern.

körperkontakt ist eine wesentliche komponente beim bindungsaufbau und bei der unterstützung der emotionsregulation für beide bindungspartner. in vielen studien konnte nachgewiesen werden, dass der körper der mutter nicht nur während der schwangerschaft die physiologischen abläufe des fötus unterstützt und reguliert, sondern dass auch nach der geburt der mütterliche körper in direktem hautkontakt mit dem neugeborenen eine regulierende wirkung auf dessen organismus hat. beispielsweise werden herzschlag, körpertemperatur und blutzuckerwerte des kindes durch den direkten hautkontakt stabilisiert und das neugeborene ist auch äußerlich ruhiger, aufmerksamer und weint weniger.

stillen stellt eine weitere bedeutsame komponente der interaktion und des bindungsaufbaus zwischen mutter und kind dar. stillen befriedigt mehr als nur das hungergefühl des säuglings, es ist zugleich eine innige form der kommunikation und unterstützt die emotionsregulation des säuglings (stillen tröstet und beruhigt) als auch die überwindung körperlichen unwohlseins (stillen ist schmerzlindernd) oder sonstiger regulationsschwierigkeiten (stillen hilft beim entspannen und einschlafen). stillen unterstützt auch die mutter dabei, sich emotional auf ihr kind einzulassen, ihre neue rolle anzunehmen und sich selbst als kompetente mutter zu erleben.

direkter hautkontakt wiederum erleichtert den aufbau einer gelingenden stillbeziehung. wenn die mutter direkt nach der geburt eine ungestörte phase des direkten hautkontakts mit ihrem kind verbringen kann und das kind selbst den weg zur brust findet, erhöht dies den langfristigen stillerfolg.

stillen ist der normale, natürliche weg, ein baby zu ernähren und über 90% aller frauen haben anatomisch die fähigkeit dazu. die milchbildung wird im wesentlichen durch zwei hormone bestimmt, die als reaktion auf das kindliche saugen ausgeschüttet werden: prolaktin und oxytocin. interessant ist, dass beide hormone nicht nur die reinen drüsenfunktionen für die milchbildung regulieren, sondern auch noch andere physiologische und vor allem emotionale auswirkungen haben. besonders oxytocin wird seit einigen jahren genauer untersucht und es haben sich einige höchst interessante erkenntnisse ergeben: oxytocin ist nicht nur ein hormon, sondern wirkt auch als neurotransmitter. es wird bei jeder stillmahlzeit durch direkten hautkontakt und das saugen an der brustwarze stimuliert und löst in der brust der mutter den so genannten milchspendereflex aus. es erhöht aber auch die durchblutung der haut der mutter, was bei der temperaturregulation des säuglings hilfreich ist. im gehirn führt es zu beruhigung und abbau von ängsten und erleichtert die interaktion der mutter mit ihrem kind. oxytocin erleichtert das soziale lernen und erhöht die schmerzresistenz des körpers. es wird auch als „liebeshormon“ bezeichnet und spielt auch bei der interaktion erwachsener liebender eine rolle.

auch das relativ neue feld der epigenetik beschäftigt sich heute mit fragen rund um die interaktion zwischen mutter und kind und hat bereits viele interessante forschungsergebnisse zutage gefördert. mehr und mehr erkennen wir, dass die alte frage, ob erziehung oder unsere erbanlagen für unser verhalten und unsere persönlichkeit entscheidend sind, über die kopplung dieser beiden felder gelöst wird: das genom (gewissermaßen die hardware) ist zwar festgelegt, aber komplexe regulationsmechanismen („software“) entscheiden, welche teile des genoms in bestimmten lebensphasen und für bestimmte körperregionen aktiviert oder „abgeschaltet“ werden. diese komplexen systeme sind massiv durch umweltbedingungen wie z. B. ernährung, erziehung usw. beeinflusst und manche konstellationen können sogar an unsere nachkommen vererbt werden. daher betrachtet man heute nicht nur das genom, sondern auch das so genannte epigenom eines lebewesens, gewissermaßen sein aktives genprofil.

jürgen wettig (2010) schreibt im hessischen ärzteblatt:

starke umgebungssignale, wie ernährung, drogen, frühe bindungserfahrungen oder therapiemaßnahmen, können, je nach beschaffenheit, die genaktivität steigern, drosseln oder ganz abschalten. die epigenetische forschung legt nahe, dass auf molekularbiologischer ebene die weichen für gesunde entwicklung gestellt werden. simple methylgruppen sind in der lage, sowohl krankheitserzeugende gene als auch schutzgene stillzulegen und so das schicksal eines organismus zu bestimmen.

in studien mit ratten konnte schon in den 1990er jahren und erneut 2004 gezeigt werden, dass die jungen von rattenmüttern, die ihre kinder leckten und streichelten, später mutiges und dabei zugleich sozial angepasstes verhalten zeigten, ihrerseits gerne kuschelten und ihre eigenen nachkommen ebenso liebevoll umsorgten. jungen von rattenmüttern, die den körperkontakt nicht auf diese weise herstellten, waren später aggressiv, ängstlich und reizbar und gaben das erlernte verhalten auch an ihre eigenen nachkommen weiter. wenn man die rattenjungen direkt nach der geburt vertauschte, verhielten sie sich später so, wie die betreuende mutter mit ihnen verfahren war und nicht so, wie es ihre leibliche mutter erwarten ließ. die gene spielten für ihr verhalten also keine rolle, wohl aber ihre frühkindlichen erfahrungen. neu und aufsehenerregend an den 2004 von michael meaney und moshe szyf durchgeführten studien war, dass das verhalten der mütter unter anderem eine tatsächlich nachweisbare physiologische veränderung bei der cortison-verarbeitung der jungtiere bewirkte, mehrere hundert gene im gehirn der jungen waren zudem verändert.

auch bei menschen gibt es erste forschungen zu epigenetischen effekten. in dänischen und spanischen zwillingsstudien konnten epigenetische unterschiede zwischen eineiigen zwillingen nachgewiesen werden, die zunahmen, je älter die zwillinge waren und je unterschiedlicher ihr lebensstil ausfiel.
verschiedene andere studien legen den verdacht nahe, dass bestimmte unter der geburt an die mutter verabreichte medikamente im späteren lebenslauf der betroffenen kinder zu erhöhten risiken für drogenabhängigkeit führen. dies gilt ebenso für frühe traumatische erfahrungen oder beständige vernachlässigung: studien belegen, dass permanent oder stark erhöhte cortisol-spiegel die hirnstrukturen verändern und z. b. zu lernschwierigkeiten und bindungsstörungen führen können.

für einfache organismen wie honigbienen oder blattschneiderameisen konnte bereits gezeigt werden, dass die ernährung postpartal einen unmittelbaren einfluss auf das epigenom hat. auf diese weise bilden die insekten unterschiedliche typen von mitgliedern ihrer gesellschaft heran: arbeiter, soldaten, königinnen und kinderstubenbetreuerinnen unterscheiden sich später in ihrem körperbau und ihrem verhalten klar voneinander, obwohl sie genetisch nicht verändert wurden und bei geburt alle noch exakt gleich ausgestattet waren.

aus ersten epigenetischen studien beim menschen wissen wir, dass die ernährung der mutter in der schwangerschaft, aber auch ihre persönliche stressbelastung und andere faktoren bereits einen einfluss auf das epigenom des kindes ausüben und zu späteren, lebenslang anhaltenden veränderungen führen können. viele noch nicht ganz geklärte wirkungen des stillens und der ernährung durch muttermilch könnten bald ebenfalls auf diese weise erklärt werden.

 

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literatur: zeitschrift für die psychosoziale praxis; grossmann, k. & grossmann, K. E. (2006). bindungen – das gefüge psychischer sicherheit (3. Aufl.). stuttgart:klett-cotta.;  brisch, k. h. & hellbrügge, t. (Hrsg.). (2007). die anfänge der eltern-kind-bindung. stuttgart: klett-cotta.; oerter, r. & montada, L. (Hrsg.). (2002). entwicklungspsychologie (5. Aufl.). weinheim/basel: beltz. renz-polster, H. (2012). kinder verstehen: born to be wild – wie die evolution unsere kinder prägt (6. Aufl.). münchen: kösel-verlag.
spork,P.(2010).der zweite code:epigenetik–oder wie wir unser erbgut steuern können. reinbek bei hamburg: rowohlt. stacherl, S. (1997). nähe und geborgenheit – durch körperkontakt säuglinge fördern. zürich: walter. wettig, J. (2010). frühe bindungserfahrung beeinflusst genaktivität. hessisches ärzteblatt, 4/2010, 223–229. verfügbar unter: www.laekh.de/upload/Hess._ Aerzteblatt/2010/2010_04/2010_04_08.pdf

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