Ganzheitliche Körperarbeit und Posturale Integration

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Nehmen Sie sich doch einmal Zeit, Ihre Wirbelsäule wahrzunehmen. Jetzt in diesem Moment, wo Sie hier sitzen und in diesem Artikel lesen !

Wo spüren Sie ihren Rücken ? Mehr oben an den Schultern oder mehr unten im Kreuz ? Welche Partien Ihrer Wirbelsäule berühren die Rückenlehne Ihres Sitzes ? Fühlen sich die Berührungspunkte hart an, oder weich und warm ? Wenn Sie es Ihrem Rücken bequemer machen würden, wie müssten Sie dazu ihre Sitzhaltung verändern ? Probieren Sie es ruhig einmal aus !

Und können Sie spüren, wie sich Ihre Atmung verändert, wenn Sie auf diese Art bequemer sitzen ? Fühlen Sie sich so wohler und ist Ihr Kontakt zur Stuhllehne anders als vorher ?!

So oder so ähnlich könnte eine Sitzung in Posturaler Integration beginnen. Vielleicht würde ich Sie anschliessend bitten, einmal aufzustehen und die Beweglichkeit Ihres Rückens im Stehen oder Gehen zu erkunden.

Der erste Teil einer PIsitzung besteht immer darin, dass wir auf eine einzigartige Weise mit den KlientInnen Kontakt aufnehmen. Dabei steht keine Technik im Vordergrund. In dieser ersten Phase ist entscheident, dass Sie Raum bekommen Ihre Situation genauer zu erkunden und dass ich als PIpraktizierender verstehen kann, worum es für Sie geht.

Anschliessend suchen wir durch Fragen oder Bewegungen Kontakt zu jener Partie Ihres Körpers zu finden, deren Behandlung Sie bedürfen.

Was spüren Sie in jener Partie Ihres unteren Rückens, in der Sie immer wieder diese Schmerzen haben ?  Ist es dort kalt ? Ist der Schmerz eher dumpfer oder eher stechender Art und was können Sie nicht mehr tun, wenn Sie diese Schmerzen spüren ??? Was nimmt Ihnen der Schmerz also in gewisser Weise ab ? Zum Beispiel müssen Sie nicht mehr den Boden schrubben und es fällt Ihnen leichter, Ihren Partner darum zu bitten, Ihnen im Haushalt behilflich zu sein.

Im dritten Teil der Sitzung arbeiten wir mehr direkt am Körper. Es kann sein, dass wir mit etwas Akupressur beginnen: Gouverneursgefässmeridian 13 wäre angemessen: er heisst ‚Hundert Mühen‘ und könnte Erleichterung verschaffen. Oder wenn sie so richtig in Ihren Problemen versackt sind vielleicht etwas Akupressur auf dem sogenannten ‚Fenster zum Himmel‘: ein Sammelpunkt mehrerer Meridiane an Ihrer Wirbelsäule. Ihre Atmung würde sich vertiefen und entspannen und Sie würden sich vielleicht etwas bequemer auf der Behandlungsliege hinlegen wollen.

Ich bitte Sie, Ihre Atmung zu vertiefen und wir finden etwas über jene Stellen in Ihrem Körper heraus, in denen Sie Ihre Atmung nicht bemerken und die fest oder hart wirken.

In der Posturalen Integration arbeiten wir am Bindegewebe, aber wer auch immer unsere Berührung einmal erlebt hat wird bemerken, dass Diese nichts mit Massage zu tun hat. Vielmehr bewegen wir unsere Hände sehr langsam an Ihrem Körper. Wir suchen nach Bewegungen in Ihrem Bindegewebe. Sei es, in dem wir lange genug einen kräftigen Druck auf eine schmerzhafte Partie ausüben und dadurch eine Art Schmelzprozess in der collagenen Struktur des Gewebes initiieren (thixotro-pischer Effekt), der zu sehr angenehmen warmen und strömenden Empfindungen führen kann.

Oder sei es, dass der Praktizierende Sie ermutigt, Töne von sich zu geben, die den Gefühlen in der berührten Partie entsprechen. Menschen mit Skoliosen erleben oft in solchen Sitzungen, wie sehr sie sich in ihrem Leben unter Druck fühlen und nachdem sie ihre Not und vielleicht auch ihre Wut stimmllich zum Ausdruck gebracht haben, fühlen sie auch wieder ihre weichen und liebevollen Empfindungen.

In unserem Beispiel aber ist es etwas schwieriger: wir haben eine Weile am Rücken gearbeitet und Sie haben in mehreren gefühlsmässigen Wellen erlebt, wie sehr Sie sich von Ihren Kollegen in der Firma herumgeschubst fühlen und wie wütent Sie darüber sind, was Sie mit sich alles machen lassen. In der anschliessenden weicheren Arbeit haben Sie entdeckt, dass Sie sich nicht richtig entspannen können. Ich habe an einigen Punkten Ihres Blasen-meridians gearbeitet um Ihre Entspannung zu fördern, aber Ihre Unruhe hat sich nur verstärkt. Um mehr Informationen über Ihr befinden herauszubekommen, bitte ich Sie einmal Aufzustehen und beim folgenden Körperlesen entsteht ein seltsamer Eindruck: Ihr Rücken fühlt sich zwar weicher und entpannter an, aber die Drehung Ihrer Wirbelsäule hat sich noch verstärkt und Ihr Oberkörper scheint vorne herunter zu sacken. Es sieht so aus, als hätten wir hinten die Spannungen gelöst und die Spannung an Ihrer Körpervorderseite hat sich noch verstärkt.

Lassen Sie mich hier ein Modell erwähnen, nach dem wir in der PosturalenIntegration arbeiten: bei einer normalen Behandlung beim Masseur werden Sie im besonderen in jener Partie behandelt, in der Sie Beschwerden haben. Sie tragen also Ihre Beschwerden vor und der/die Behandelnde übt dann seine Methode an Ihnen aus. Vielleicht sprechen Sie dabei über das Wetter oder Ihre Schwiegermutter, aber Ihr Denken und Fühlen wird nicht in die Arbeit einbezogen. Bei genauerer Wahrnehmung wird Ihnen nicht entgangen sein, dass die Behandlungen weniger wirkungsvoll waren, wenn Ihnen Ihr/e MasseurIn unsympatisch war. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass in der klassischen krankengymnas-tischen Behandlung kein besonderes Augenmerk auf die Beziehung zwischen Ihnen und den Behandelnden gelegt wird. In der Posturalen Integration dagegen arbeiten wir orientiert an Ihren Bedürfnissen und integrieren auch Ihre gedanklichen oder emotionalen Anliegen in die Arbeit. So ist PI mehr ein intensiver Kontakt auf mehreren Ebenen Ihres Seins und weniger eine Behandlung scheinbar getrennt von Ihnen existierender Symtome (klientInnenorientiert).

Wir verstehen Ihre ’schiefe Haltung‘ nicht nur als ein Missverhältnis Ihrer Knochen, dass auf dem Röntgenbild diagnostiziert werden kann und dann mechanisch wieder gerichtet wird. Ein ’schiefer Rücken‘ hat ursächlich ja nur wenig mit Ihren Knochen zu tun. Diese kann der Orthopäde auf dem Röntgenbild erkennen. Aber jene Strukturen, die diese Knochen aus dem Lot ziehen, die die erkennbaren einseitigen Abnutzungen Ihrer Wirbel bewirken, sind von keinem Röntgengerät zu sehen. Es sind Ihre Muskeln, Bänder und Sehnen; es ist Ihr Nervensystem, dass diese physischen Aspekte Ihres Seins dirigiert. Und dieses Nervensystem handelt auch nach psychischen Kriterien: so ist Ihre Haltung ein Ergebnis Ihres Befindens und Ihrer Biographie und jemand mit einem ‚krummen Rücken‘ wird auch Erlebnisse gehabt haben, in denen er sich gekrümmt und gewunden hat, um auf gute Weise zu überleben (systemischer Therapieansatz).

Eine Diskussion der psycho-neuro-collagenen Zusammenhänge sogenannter degenerativer Erkrankungen der Wirbelsäule würde hier zu weit führen.

Das Modell mit dem wir in der Posturalen Integration arbeiten ist das der Tensegrität: wir gehen davon aus, dass Sie mit der Spannung (engl.tension) Ihres Bindegewebes versuchen, Ihre Integrität (tense-grität) aufrecht zu erhalten. Nun werden Sie fragen, warum jemand versucht seinen Körper offensichtlich zu verdrehen, um seine persönliche Integrität zu sichern ?

Kehren wir also zu unserem Beispiel zurück: Sie stehen neben der Liege des PIpraktizierenden und nach der Arbeit am Rücken wirken Sie schiefer als vorher. Ich werde Sie bitten, sich wieder auf die Liege diesmal aber auf den Rücken zu legen. Und nach einigen suchenden Finger-bewegungen und der Unter-stützung Ihrer Atmung werden Sie vielleicht ein überraschend weiches Gefühl in Ihrem Brustkorb entdecken. Vielleicht fällt Ihnen das erste Mal seit Jahren auf, wie gross Ihre Sehnsucht danach ist, wirklich geliebt zu werden und wie weich Ihr Herz sich dabei anfühlt. Unter der Spannung in Ihrem vorderen Rumpf haben Sie all die Jahre in denen Sie Ihre Wirbelsäulenbeschwerden hatten, Ihre Sehnsucht verborgen.

Hier finden wir die einfache Antwort: in vielen Fällen nehmen wir skurile körperliche Haltungen ein, um uns dabei zu unterstützen, bestimmte Gefühle nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Sei es, weil wir uns bedroht gefühlt haben oder weil wir die Reaktionen der Mitmenschen auf unsere Gefühle fürchten oder nicht die persönliche Kraft haben, uns für die Verwirklichung unserer Bedürfnisse einzusetzen.

Wir kommen zum Ende unserer rund eineinhalbstündigen Sitzung. Vielleicht bearbeite ich noch einige Akupressurpunkte, um Ihre Kräfte wieder zu sammeln  – da gibt es ein paar sehr wohltuende Punkte auf dem Lebermeridian -, oder wir üben in einem abschliessenden Gespräch im Rollenspiel, wie Sie Ihre Bedürfnisse gegenüber Ihrer Familie artikulieren können, ohne sich Rückenschmerzen zuziehen zu müssen.

Posturale Integration ist dabei nicht psychoanalytisch orientiert, im Sinne einer Suche von Ursachen Ihrer Probleme in der Vergangenheit, sondern auf praktische Lösungen gerichtet. Das kann beinhalten, dass wir auch ungelöste Konflikte aus Ihrer Biographie bearbeiten, wobei wir aber stets die gewünschte Veränderung Ihres Befindens im Auge behalten. PI arbeitet also lösungsorientiert.

Posturale Integration beginnt mit einem einfachen, menschlichen Kontakt, der eine Übereinstimmung über ein von Ihnen gewünschtes Ziel ermöglicht. Wir suchen immer nach der körperlich-emotional-geistigen Einheit Ihrer Fragen. Wir verharren nicht in Gesprächstherapie, sondern erkunden die in Ihren Zellen, in Ihren körperlichen Erinnerungen gespeicherten Potentiale Ihres Bewusstseins. Wir arbeiten also erfahrungsorientiert.

Durch das besonders umfassende Herangehen mit verschiedenen Methoden, beinhaltet Posturale Integration die Möglichkeit, dass Ihnen Empfindungen oder Gefühle und Gedanken (wieder) bewusst werden, von denen Sie schon lange ahnten, dass Sie in Ihnen schlummern, deren Verwirklichung Sie sich aber bisher nie zugetraut haben.

kurze Geschichte der Körperarbeit

Die Vorstellung, dass die Berührung durch kundige Hände von bedeutsamem therapeutischen Wert sein kann ist alles andere als neu. Sie findet sich in ‚Des gelben Kaisers klassischem Buch der Inneren Medizin‘ (etwa 25oo v.Chr.) ebenso, wie in dem Chirurgiebuch des französischen Arztes Guy de Chauliac (etwa 13.Jahrh.). Bei Paracelsus galt sie als unverzichtbare Methode.

Mit der Verfolgung der Weisen Frauen im Mittelalter erfährt die Körperarbeit ihre Trennung in eine körperliche Behandlung (Medizin), die emotional-seelische Behandlung (Kirche, Religion) und geistige Orientierung durch die mechanistische Wissenschaft.

Erst Anfang diesen Jahrhunderts entwickeln sich wieder jene ganzheitlichen Modelle von Körperarbeit, die diese drei Aspekte menschlichen Seins wieder verbinden.

In dieser Tradition wurde PI Anfang der siebziger Jahre von dem amerikanischen Professer Jack Painter in Californien (USA) entwickelt. Es verbindet Ansätze aus der tiefen Bindegewebsarbeit von Ida Rolf, mit der energetischen Arbeit wilhelm reich’s, Akupressur und Gestaltherapie zu einer einheitlichen Methode, die in besonderer Weise den komplexen Anforderungen der Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts gerecht wird.

PI ist keine staatlich anerkannte Heilmethode. Wir arbeiten nicht an der Heilung von Krankheiten oder Verletzungen, sondern streben die Unterstützung und Steigerung des Wohlbefindens unserer KlientInnen an.

 

Was PI geben kann:

In einer Kultur, die stark von materiellen Werten und Leistungsdruck gekennzeichnet ist, bietet PI seinen KundInnen die Möglichkeit,in tiefgehenden emotionalen Prozessen alltägliche persönliche Schwierigkeiten zu verarbeiten.

Durch den technologischen Wandel, die Reduktion körperlicher Arbeit und die Zunahme der psycho-mentalen Belastung häufen sich Störungen des Muskel- und Nervensystems, die durch gesteigerte körperliche Selbstwahrnehmung bewusst gemacht und im Sinne körperlichen Wohlbefindens aufgelöst werden können.

Eine immer grössere Zahl von Krankheiten kann mit ausschliesslich medikamentöser Behandlung nur mehr auf einem Status quo gehalten werden, bei teilweisem oder gänzlichem Verlust des positiven Lebensgefühls. Hier helfen die vielseitigen Hinweise aus der chinesischen Medizin und der Akupressur die Einsichten unserer KlientInnen aus der Arbeit in Veränderungen Ihrer Ernährung oder Ihres Lebensstils umzusetzen.

Im Zeitalter der digitalen Kommunikation, in der in den deutschen Grossstädten mittler-weile fast jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt ist, unterstützen die Methoden der Gestaltherapie ein Erweitern der kommunikativen Fähigkeiten der Menschen.

Zitat Jack Painter

Die bei der Posturalen Integration von der Körperhaltung ausgehende Arbeit mit der Gesamtpersönlichkeit gründet auf der Erkenntnis, dass zugleich mit dem Berühren des Körpers auch Gefühle und Gedanken ausgelöst werden, und dass diese beim Anregen körperlicher Veränderungen zum Ausdruck gebracht werden müssen. Die PIpraktizierenden und ihre KundInnen arbeiten gleichzeitig auf allen Ebenen zusammen: teils mit dem Atem, teils mit dem Bindegewebe, teils mit Lauten oder Worten; dann wieder mit Gefühlen und inneren Bildern, dann wieder mit Bewegungen, usw. – immer im Bewusstsein der physischen, emotionalen, kognitiven und spirituellen Einheit des Geschehens.

kontakt:

bernhard schlage
körperpsychotherapie, schriftstellerei
gemeinschaftspraxis kugel e.v.
in der steinriede 7, hofgebäude
30161 hannover
telefon & fax 05 11 / 161 42 11
e-mail: post@bernhardschlage.de
internet: www.bernhardschlage.de

 

 

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