Kommunikation in der Partnerschaft und unseren Beziehungen

Eine selten moderne Beziehung

Gespräch zwischen Auge und Ohr

Ein Haus am Meer auf der Steilküste einer Insel – vielleicht La Gomera oder Dominica. Zwischen dem Haus und den gegen die Felsen brandenden Wogen stehen einige niedrige Bananenstauden, die die Sicht nicht behindern. Der Mann, der Auge heißt, und die Frau, die Ohr heißt, befinden sich auf der Terrasse des Hauses. Auge ist ein drahtiger, hochaufgeschossener Typ, offenbar Sportler. Oder Manager mit sportlichen Hobbys. Er steht am Geländer und schaut aufs Meer. Ohr ist eine gut aussehende junge Frau mit betont weiblichen Formen. Beider Alter: Mitte dreißig. Sie liegt in einer Hängematte, die vom Wind geschaukelt wird.

Ohr: Was siehst du?

Auge: Na, das Meer.

Ohr: Und was siehst du?

Auge: Eine endlose Fläche. Glatt.

Ohr: Sonst nichts?

Auge: Sie ist blau. Ich spüre, es ist viel mehr, aber eigentlich sehe ich nur diese Fläche.

Ohr: Das wäre mir zu wenig beim Meer. Es ist auch nicht blau. Es sieht nur so aus. Und es ist auch nicht endlos und Fläche schon gar nicht. Alles, was du sagst, sieht nur so aus.

Auge: Und was hörst du?

Ohr: Du brauchst nur „Meer“ sagen, dann höre ich donnernde Wellen. Zersprühende, platzende Brandung. Dann Stille. Bis die nächste Welle anbraust. Höhen und Tiefen. Nichts flaches. Eher das Gegenteil. Ungeheure Kontraste. Darin das Rauschen der ganzen Welt. Des Universums.

Auge: Als ob es Berge und Täler wären?

Ohr: Ungefähr so… Aber noch stärker. Sehr steile Berge. Unermeßlich tiefe Täler. Ich höre das Gegenteil von dem, was du sagst.

Auge: Komisch, wir sind hier auf der gleichen Terrasse. Sehen –

Ohr: – Verzeihung, hören –

Auge: – das gleiche Meer. Aber wir nehmen völlig Verschiedenes wahr.

Ohr: Ja, deshalb kennen wir uns auch so wenig. Obwohl wir das gleiche Haus bewohnen…

Auge: Wir sollen öffter mal miteinander reden. Was wäre interessant für dich?

Ohr: Ich rede gern über Liebe. Vielleicht lernen wir uns dann besser kennen.

Auge: Okay. Wenn das wichtig für dich ist.

Ohr: Ich liebe.

Auge: Aber wen? Man muß doch sagen können, wen man liebt.

Ohr: Ich liebe. Punktum. Ich liebe, was ich höre. Wenn es nicht Lärm ist.
Auge: Du liebst also viele. Bist du nicht treu?

Ohr: Ich kann nichts anfangen mit diesem Wort. Ich höre und ich liebe. Ich glaube, ich liebe, weil ich höre. Und ich höre, weil ich liebe . Wen liebst du, Auge?

Auge: Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.

Ohr: Ja – ich weiß.

Auge: Na gut: Ich liebe mich.

Ohr: Liebst du nicht das Licht? Die Sonne? Die Farben?

Auge: Wenn es zu hell wird, muß ich mich schließen.

Ohr: Wenn es zu laut wird, kann ich nichts schließen.

Auge: Ach – ?

Ohr: Ja, ich bin immer geöffnet.

Auge: Für wen?

Ohr: Ich weiss nicht. – Für die Welt.

Auge: Die Welt muß man sehen.

Ohr: Muß man? Kann man das überhaupt? Kannst du die Welt sehen?

Auge: Ich mache mir ein Bild von ihr.

Ohr: Also siehst du nur Bilder? Unvollständige Bilder, wie wir eben festgestellt haben.

Auge: Ist es bei dir nicht genauso?

Ohr: Es ist anders bei mir. Was ich höre, sind eigentlich Zahlen. Verhältnisse. Proportionen. Intervalle.

Auge: Das ist aber wenig.

Ohr: Für mich ist es unermeßlich viel. Die ganze Welt entsteht daraus. Meine Welt ist nicht da draußen. Sie ist in mir.

Auge: Die ganze Welt in deinem kleinen Ohr?

Ohr: Nicht vielleicht dort. Ich erfahre sie im Herzen. Die Welt ist in mir. Ich höre sie in mir.

Auge: Ich erfahre die Welt als ziemlich getrennt von mir.

Ohr: Ja. Da bist du und siehst, und dort ist die Welt und wird gesehen.

Auge: Das stimmt. Was ich sehe, ist immer woanders.

Ohr: Und was ich höre, ist immer in mir. Wird eins mit mir, indem ich es höre.

Auge: Liebst du Stimme und Klang, Ohr?

Ohr: Sie wären nicht ohne mich. Ich nicht ohne sie.

Auge: Das Licht wäre auch ohne mich. Aber ich nicht ohne das Licht.

Ohr: Das nenne ich eine ziemlich einseitige Beziehung.

Auge: Du bemerkst Dinge, die mir noch nie deutlich geworden sind.

Ohr: Ja, du täuschst dich oft, Auge.

Auge: Ich weiss. Aber das ist mir egal. Die Hauptsache ist, mein Besitzer glaubt, was ich sehe. Das ist mir wichtig.

Ohr: Mein besitzer glaubt leider oft nicht, was ich höre.

Auge: Besteh doch drauf

Ohr: Das ist nicht meine Art.

Auge: Ja, ich weiß, es ist meine Art… Weißt du, was Macht ist?

Ohr: Nein, was ist das?

Auge: Du könntest es nicht verstehen, aber ich weiß es. Ich herrsche über die Welt und ich genieße das.

Ohr: Auge, was tust du am liebsten?

Auge: Na – herrschen! Dieses Gefühl von Herrschen haben, wenn ich schaue. Es ist wunderbar.

Ohr: Wie machst du das?

Auge: Ich spiegle die Welt.

Ohr: Spiegeln?

Auge: Ich spiegle sie so, dass sie auf dem Kopf steht. Aber mein Besitzer merkt das nicht. Ich habe auch in der Mitte von allem, was ich sehe, einen blinden Fleck. Aber ich übersehe ihn, ich beachte ihn einfach nicht. Ich übersehe auch, dass ich die Welt flach machen muß, um sie sehen zu können.

Ohr: Ich kann mir das gar nicht vorstellen – alles verkehrt herum? Und in der Mitte ein Fleck? Blinde Flecken übersehen? Und eine flache Welt? Hat sie dann nicht bloß zwei Dimensionen?

Auge: Na, blinde Flecken sind doch nicht wichtig. Und die Welt hat doch auch nur zwei Dimensionen.

Ohr: Nein, schon wenn du fühlen könntest, würdest du fühlen, dass sie drei Dimensionen besitzt. Aber sie hat noch viel mehr! Meine Welt kann so viele Dimensionen haben, wie sie will.

Auge: Wie machst du das, wenn du hörst?

Ohr: Ich spiegle nicht. Ich messe. Ich kann viele Töne genau messen. Eine Oktave, eine Terz, eine Quinte – wenn sie nicht stimmen, zu hoch oder zu tief sind, ich hör das genau – und es tut mir weh, wenn sie falsch sind.

Auge: Ich kann das nicht. Ich kann nur schätzen. Und wenn ich mich verschätze, fühle ich es nicht.

Ohr: Dafür kannst du die Bilder machen. Du kannst sie dir selbst ansehen – auf deiner Netzhaut. Ich kann das nicht. Ich habe nur Daten, nur Zahlen, nur Schwingungen.

Auge: Und was nützt dir das?

Ohr: Ich gebe sie an das Gehirn weiter. Das kann viel damit anfangen.

Auge: Also dienst du dem Gehirn?

Ohr: Ja, ich mache das gern, aber es dient auch mir.

Auge: Ich würde nicht gern dienen.

Ohr: Ich weiss.

Auge: Sag mal noch mehr über dein Hören.

Ohr: Na, ich nehme auf. Ich empfange.

Auge: Frauen empfangen.

Ohr: Genau

Auge: Bist du deshalb so weiblich?

Ohr: Und du bist Mann. Ganz und gar Mann.

Auge: Ja – ich dringe ein. Menschen können fühlen, wenn ich sie anschaue, schaun sich dann um. Aber ich spiele auch gerne.

Ohr: Das tun alle Männer. Männer sind Kinder. Übrigens – warum dringen deine Blicke nicht in mich ein? Vielleicht wäre das schön?

Auge: Für mich auch. Aber es geht nicht.

Ohr: Warum Auge?

Auge: Weil ich dich nicht sehen kann.

Ohr: Aber du siehst mich doch

Auge: Das ist nur deine Form. Dein Hören kann ich nicht sehen.

Ohr: Und ich kann dein Sehen nicht hören. Aber da ist trotzdem ein Unterschied. Was du siehst, ist nur das Äußerliche, und wenn sich dein Besitzer zu sehr auf dich verläßt, dann denkt er, das sei schon alles.

Auge: Ich weiß, oft ist es Schein.

Ohr: Du redest vom Sehen, als ob es ein Sport sei.

Auge: Toll, daß du das merkst!

Ohr: Welchen Sport treibst du?

Auge: Na, Blicke-Werfen.

Ohr: Wenn du das sagst, klingt es wie Speer-Werfen.

Auge: Das ist es auch.

Ohr: Und wenn du jemanden triffst?

Auge: Dann freue ich mich.

Ohr: Aber Speere können doch Schmerz bereiten?

Auge: Na und? – Sag mal, treibst du auch Sport?

Ohr: Vielleicht ist das mein Sport: Ich möchte immer noch Leiseres hören.

Auge: Dann hörst du ja bald gar nichts mehr.

Ohr: Doch. Dann höre ich Stille.

Auge: Was ist das – Stille?

Ohr: Ich glaube, du würdest es „Dunkelheit“ nennen.

Auge: Dann kann ich nichts sehen.

Ohr: Dann kann ich ganz viel hören.

Auge: Komisch, Ohr, du hörst, wenn du nichts hörst?

Ohr: Dann höre ich mich. Und ich höre das Sein. Das Ewige Sein. Sein Rauschen. Offen gestanden, das tu ich am liebsten. Leider kann ich es nur selten, weil immer so viel Lärm ist. Wenn ich sprechen könnte, würde ich oft sagen: Seid still! Aber es kann auch wunderbar sein, auf den Grund des Lärms zu lauschen und durch ihn hindurch, wo die Stille wohnt. Ah, das tut gut!

Auge: Willst du damit sagen, „Dunkelheit“ ist dir wichtig?

Ohr: Ja, das, was für dich „Dunkelheit“ ist: Stille, Schweigen. Nach innen hören. Es ist genau umgekehrt wie für dich. Du siehst nach außen.

Auge: Ich kann auch nach innen schauen.

Ohr: Ich weiß, aber du tust das selten. Und ich habe auch den Eindruck, du tust es nicht gern.

Auge: Weil ich mich dann schließen muss. Das sind zwei ziemlich verschiedene Sachen: Erst schau ich nach außen – dazu öffne ich mich. Dann schaue ich nach innen – dazu muss ich mich schließen.

Ohr: Dann bist du also im Grunde gar nicht mehr Auge, wenn du nach innen schaust.

Auge: Da hast du recht.

Ohr: Bei mir sind das nicht zwei verschiedene Sachen. Ich kann mich nie schliessen. Aber ich öffne mich erst wirklich, wenn ich nach innen lausche. Ich kann beides zugleich tun – nach außen und nach innen lauschen.

Auge: Ja, und ich mach` immer nur entweder das eine oder das andere. Aber ich glaube, wenn ich mir Mühe gebe, dann könnte ich beides zugleich.

Ohr: Ich weiss, beides zugleich ist möglich. Gib dir doch Mühe. Das macht sehr, sehr glücklich, beides zugleich zu können. Du bist dann im Zentrum der Welt.

Auge: Das bin ich sowieso.

Ohr: Nein, das bildest du dir nur ein. Du bist im Zentrum des Scheins. Deine Welt ist nur eine halbe. Nicht mal eine halbe. Die größere Hälfte der Welt ist die innere.

Auge: Wenn ich du wäre, Ohr, dann wäre ich blind.

Ohr: Das stimmt.

Auge: Und wenn du ich wärest, dann wärest du taub.

Ohr: Nein, das stimmt nicht. Ich wäre noch hörender.

Auge: Und was hättest du davon?

Ohr: Noch mehr dränge ein in mich. Ich würde noch mehr empfangen.

Auge: Immer empfangen.

Ohr: Ein anderes Wort dafür ist Liebe.

Auge: Ich kann auch jemanden voller Liebe anschauen.

Ohr: Das stimmt. Aber was du siehst, ist auch ohne dich da. Es braucht dich nicht. Und du brauchst es auch nicht. Es ist da – vor dir und um dich herum. Was ich höre, ist nichts, wenn es nicht gehört wird. Es braucht mich dringend.

Auge: Ich glaube, wir sind eine moderne Beziehung.

Ohr: Ja, wir leben in der gleichen Wohnung, und du hörst mich nicht und ich sehe dich nicht.

Auge: Du verstehst viel von Beziehungen.

Ohr: Und du – strahlst!

Auge: Ich glaube, ich wünsche dir Augen.

Ohr: Ich habe schon welche. Gesang ist das Auge des Ohres. Gesang und Musik.

Auge: Was ist Musik?

Ohr: Das würdest du nie begreifen, und ich bedauere dich deshalb…

Auge: Weißt du, wenn du nicht sehen kannst und ich nicht hören kann, dann ergänzen wir uns doch eigentlich ganz gut.
Ohr: Ja, ich höre für dich.

Auge: Weißt du, wenn du nicht sehen kannst und ich nicht hören kann, dann ergänzen wir uns doch eigentlich ganz gut.

Ohr: Ja, ich höre für dich.

Auge: Und ich sehe für dich…

Ohr: Aber man kann noch einen Schritt weiter gehen
Auge: Du willst immer noch weitergehen
Ohr: Man kann so weit kommen, daß man mit den Ohren sehend wird.
Auge: Quatsch. Sehen – das gehört mir.

Ohr: Ich habe einmal gehört, daß Fledermäuse mit den Ohren sehen. Und sie sehen genauer als die meisten Wesen mit den Augen sehen können. Sie können Insekten „sehen“, so klein wie ein Sandkorn, und „sehen“, nein, hören auch noch, ob es nur ein Sandkorn ist oder ein kleines Insekt. Und Wale, Delphine, bestimmte Vögel, auch kleine Säugetiere im Urwald – die können alle mit den Ohren sehen.
Auge: Das wäre ja so ähnlich wie: Mit den Augen hören. Niemand kann das.
Ohr: Doch. Du brauchst nur die Augen zu schließen und nach innen zu schauen, dann bist du mit den Augen hörend.
Auge: Vielleicht versuche ich das mal.
Ohr: Ja, ich bitte dich sehr: Versuche es. – Hast du von den großen Sehern gehört? Die schließen die Augen – viele waren ohnehin blind – und dann hören sie sehend.
Nach innen sehend. Du kannst dann noch viel mehr sehen, als wenn du nur immer nach außen schaust.
Auge: Danke. Ich werde es versuchen.

Am besten, Sie lassen es einfach geschehen.
Robert Retford in: „Der Pferdeflüsterer

 

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