Sperma als Symbol der Fruchtbarkeit der Erde

Die Rätsel um den Samen – 

Diese opaleszierenden, durch ein Wirrwarr von Wettbewerbern schwimmenden Spermien, erinnern uns auf erstaunliche Weise daran, dass die Zahl der Spermien bei einem einzigen Samenerguss oft höher ist als die Zahl der in ganz Amerika lebenden Menschen (Enc.Brit.11:89). Doch nur eines unter diesen Millionen wird in jene Eizelle eindringen, die eine Frau während des Eisprungs produziert, und so für die Herausbildung eines  Embryos sorgen.

Trotz der verschwenderischen Überproduktion der Natur sind die einzelnen Spermien keine identischen Klone; jede Samenzelle birgt ein individuelles chromosomales Potenzial der väterlichen Gene, die mit dem des Eis verschmelzen.
An erster Stelle ist das  X- oder Y-Chromosom zu nennen, das das Geschlecht der Zagte bestimmt. Mehr als zehn Wochen dauert es, bis ein Samenzelle in den Hoden herangereift ist. In ihrem winzigen, mandelförmigen Kopf – 40- bis 60 mal kleiner als ein Ovum – liegt die genetische Geschichte ihrer Ahnen und Urahnen verborgen.

An einem Kragen aus Energie liefernden Mitochondrien, hängt ein Haardünner, fallierter Faden, der für die Beweglichkeit sorgt. Der Kopf kann das Ei „riechen“, dessen Sperre durchdringen und die Pforte für nachfolgende Konkurrenten chemisch verschliessen. Die Künstlerin Kiki Smith setzt, indem sie dieses Wunder in Glas neu erschafft, Sperma in den aufgeheizten Kontroversen um Abtreibung, Aids, und die Soziologie der Geschlechter als biologische Metapher ein. Tatsächlich wirft das Wunder der sexuellen Reproduktion oft einen schäbigen Schatten, ein Paradox, dass der Expressionist Edvard Munch in seinem Gemälde Madonna (1895) eingefangen hat. Es stellt eine blasse Frau dar, die von den tuberkulösen Spermien, die sie umgeben, geschwächt ist – eher das Gespenst sexuell übertragener Krankheit oder ungewollter Schwangerschaft denn ein neues Leben.

Obgleich Samen – die seimige Milchweiße Flüssigkeit, in der sich die Spermien tummeln – seit jeher Augenscheinlich war, wurden die Spermatozoen erst 1677 von van Leeuwenhoek mikroskopisch entdeckt.
Die „spermatischen“ Theorien von Plato und von Galen, die dieser Entdeckung vorausgingen, behaupteten, Samen entstehe im Kopf eines Mannes – und nicht in seinen Hoden – und wandere dann seine Wirbelsäule hinab, bis in deren Verlängerung, den Penis, um dann durch die Ejakulation in den Körper einer Frau zu gelangen (Onians, 2:1-2).
symbol-der-fruchtbarkeit-erdelement-ernte-zeitDas griechische Wort sperma (Samen) stammt von speirein (säen) und spiegelt die archaischen Vorstellungen von der aktiven männlichen Rolle wider, in der passiven weiblichen Erde Leben zu erzeugen ( Barnhart, 745). Mit ähnlicher Tendenz erläutert der Koran seinen männlichen Anhängern „eure Frauen sind eure Felder“, während das hinduistische Satapatha Brahmana die Ackerfurche, die ein Bauer zieht, mit der Vulva und die Saat des Sämanns mit den Samen vergleicht (EoR 4:538). Um dem Verlust dieser magischen Kraft vorzubeugen und sie auf spirituelle Ziele hinzulenken, belehren maoistische Schriften den Praktiker, er solle die Ejakulation blockieren und deren befruchtende Flüssigkeit nach oben zurück ins Gehirn zwingen.
Traditionell stellte man sich vor, Samen entstehe aus dem reinsten und potentesten Blut – was auch die Erschöpfung des Mannes nach dem Koitus erkläre – und könne, so Aristoteles, das ungeformte uterine Blut zu einem menschlichen Embryo gerinnen lassen ( De Generation animalium, IV; Sissa, 136 -137).

In den Stammesgesellschaften Neuguineas wurde ein Junge ebenfalls als ungeformt betrachtet, bevor ihm nicht während einer initiatorischen, rituellen Fellatio von älteren Männern reife Männlichkeit eingeflößt worden war, ein Akt, in dem sich die verbreitete unbewusste Gleichsetzung von Samen und Milch widerspiegelt (La Barre, 38ff). Im Hinblick auf die Rätsel des Samens schreibt Sissa, diese „exterem verfeinerte Substanz…wurde stets von irgendeinem Wertvollsten oder Vitalsten des Körpers abgeleitet, ob von Blut oder der Materie des Gehirns. In diesem federleichten Schaum war die Quintessenz des Männlichen konzentriert“ (Sissa,141).

Doch in unserer heutigen Zeit, die das Maskuline häufig all zu eng mit der patriarchalischen Unterdrückung der Frau identifiziert, scheinen die makellosen Glasspermien der Kiki Smith das Feminine in der schöpferischen Alchemie der Empfängnis des Lebens ausfindig zu machen. So wird die natürliche Gegenseitigkeit  von männlichen und weiblichen Zellen, die ohne einander absterben würden, wiederhergestellt.

Barnhart, Robert K.(Hg.). The Barnhart Concise Dictionary of Etymology. New York. 1995./La Barre.Weston.Muelos: A Stone Age Superstition About Sexuality. New York,1984./Onians, Richard Broxton. The Origins of European Thought. Cambridge, UK und New York, 1988./Piankoff, A. Ramesses VI: Texts. New York, 1954./Sissa, Giulia. „Subtle Bodies“. Fragments for a History of the Human Body. New York und Cambridge, MA, 1989.

 

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