Wie Formen des Schreibens unseren Umgang miteinander verändern

Freundschaft schafft vertrauen oder Wie Formen des Schreibens unseren Umgang miteinander verändern

Von Phöniziern zu Smartphöniken

Der Eine war bereits über 70 Jahre alt, als ich ihm das erste Mal begegnete: Er war der offizielle Hüter der mündlichen Überlieferung seines Volkes im Altaigebirge, dem Grenzgebiet zwischen Russland, China und der Mongolei: der „maaday kara“ Saga (1). Wenn er die ganze Geschichte erzählte, benötigte er dazu 3 Tage. Und er war der Einzige, der sie vollständig in der überlieferten Versform rezitieren konnte (2).

Der Zweite war offizieller Schreiber oder sagen wir in diesem Zusammenhang besser Zeichner der sogenannten Toten-Bücher: Persönlicher Sammlungen von Gedichten, Zeichnungen und Bannsprüchen, die sich wohlhabendere Ägypter in antiker Zeit anfertigen ließen, und Zeit ihres Lebens auswendig zu lernen bemüht waren, um – gemäß ihrem Glauben – nach ihrem Tode einen guten Weg in der Begegnung mit den Göttern des Totenreiches zu finden. Und schließlich erinnere ich mich an jenen Mitarbeiter der örtlichen Stadtverwaltung, der mit einer profunden Sachkenntnis zur Entstehung der Straßennamen meiner Stadt ausgestattet war und häufig bereits beim ersten Anruf aus seinem Gedächtnis sich in weiten historischen Bezügen bewegen konnte, ihre Bedeutung für die Entstehung dieses oder jenes Straßenzuges kannte und zudem sich erinnern konnte, in welchem der städtischen Suchbücher oder Archivgebäude zu diesen Ereignissen sich weitere Literatur befinden könnte. Zeit seines Lebens arbeitete er, in den späteren Jahren auch mit Hilfe von Computern, an einer Zusammenstellung all dieses Wissens, das heute in das „Stadtlexikon Hannover“ (4) eingeflossen ist.

Alle drei Männer haben Zeit ihres Lebens einen großen Bereich von Wissen aktiv und lebendig erhalten. Der Eine als Träger einer mündlichen Überlieferung in Form von Gesang und Gedichten, der Zweite als Kalligraph ägyptischer Schriftzeichen und Symbole und der Dritte schließlich in Form bibliophilen Wissens und seiner schriftlichen Dokumentation.

Obschon unser romantisches Empfinden vielleicht der „oral history“ des nomadischen Sängers besonders zusprechen mag oder wir die künstlerische Ausdruckskraft der Toten-Bücher bestaunen und die Dokumentation des Wissens des hannoverschen Stadtkämmerers mehr als eine Generation seiner Nachfahren beschäftigen wird, gibt es mit der langsam zunehmenden Verknüpfung von Wissen und seiner schriftlichen Niederlegung doch eine große Veränderung in der Art, das Wissen der Menschheitsfamilie zu tradieren.

Vom mittelalterlichen Klosterschreiben zum modernen Smartphöniken

Lassen wir an dieser Stelle mal die Diskussion um das älteste Buch der Welt enden und beschreiben wir, dass der 4000 Jahre alte, in frische Tontafeln geritzte sog. Gilgamesch-Epos aus dem Zweistrom- land Babyloniens das wohl älteste erhaltene Schriftstück der menschlichen Kultur ist (5). Wenn wir es gern ein bisschen mehr als Buch hätten, dann nehmen wir die sogenannten „Codizes“ … des ersten Jahrhunderts: Mit Wachs bestrichene Holztafeln, auf denen fleißige Händler (und mit einem der ältesten Buchstabenalphabete auch die Phönizier) ihre Warenbestandslisten führten und die bereits mit Lederbändern zusammen gebunden gewesen sind (6). Die dazu gehörige Kulturfähigkeit wird im Allgemeinen „schreiben“ genannt, und sie hat unsere Art und Weise, Wissen zu erinnern grundsätzlich verändert.

Ob wir nun in die arabische Kultur zurück blicken, wo auf Pergamenten mit Farben aus geriebenem Stein oder Pflanzensäften vor bildhaften Symbolen strotzende Texte entstanden sind, ob wir uns mit der asiatischen Bildzeichenschrift befassen, bei denen bis heute in vielen Fällen zwischen dem Schriftzeichen und seiner Bedeutung ein nachempfindbarer Zusammenhang besteht oder ob wir neumodern auf einem Smartphone-Bildschirm streichen/tippen, manche wollen es bereits „squantschen“ nennen, macht einen Unterschied in der Art und Weise Welt und Wirklichkeit zu verstehen aus.

Vom Malen über das Schreiben zum Tippen

Wenn wir unseren Kindern beim Führen ihrer Buntstifte auf dem Malblock zuschauen, werden wir ZeugInnen der Entstehung einer Kulturfähigkeit, die seit Generationen jedes unserer Kinder wieder neu erlernen muss. Anders als beim Schlucken oder Tönen und Greifen scheint diese Fähigkeit sich noch nicht in unser genetisches Material eingeschrieben zu haben. Wir sehen die Haltung des Stiftes in der kindlichen Hand, das mal mehr zufällige, dann wieder eher beabsichtigte Führen des Stiftes auf dem Papier und wir werden Zeuge einer Willensbildung ganz besonderer Art: Es ist erkennbar, wann der Geist des Kindes anfängt, vom bloßen Bewegen und dem Ausdruck von Farben und Formen überzugehen zu einem willentlichen Wiedergeben, einem Darstellen von etwas …

Das bedeutet nicht, dass in diesem Moment der Vorgang einfacher wird … Frustration der Zeichnenden und die Verzweiflung über das Misslingen ebenso, wie die Freude über das Gelingen einer gewünschten Darstellung scheinen essentiell mit diesem Prozess verknüpft zu sein.

Ganz anders und viel komplexer entwickelt sich dieser Prozess dann, wenn wir in der Schule zu schreiben beginnen. Im Unterschied zu japanischen Schulkindern, die am Ende der Grundschule mehrere hundert verschiedene Schriftzeichen schreiben und lesen können, beginnen wir in Europa mit den mehr oder weniger 30 Schriftzeichen des Alphabetes. Und geneigte LeserInnen werden sich vielleicht noch an die Mühen der Darstellung der Kringel des Buchstabens „e“, oder die fein geführte Schlaufe am Ende des „o“ erinnern: Das langsame Nachformen der Linien beim Abmalen von der Tafel und das verkrampfte Halten des Stiftes, damit nur ja alle Zeichen innerhalb der Schriftlinien bleiben. Später die Koordination der Bewegungen insgesamt: Schriftzeichen auf einem Papier ohne Linien zu verteilen oder das Schriftbild selbst verändern zu wollen, wie das bei Mädchen im Schulunterricht weit verbreitet ist und womit sich Schriftbildforscher viel beschäftigen (7). Es ist grade diese emotionale Verbindung mit der Motorik, die während des „automatischen freien Schreibens“ für therapeutische Wirkungen genutzt wird.

Und während dieses Schreiben-Lernens entstehen so viele verschiedene zusätzliche Fähigkeiten … Manche mögen sich an die verkrampfte Fingerhaltung bei den ersten Schreibübungen erinnern … Andere üben sich noch heute beim Schreiben im Lippen- Zusammenpressen und Mit-der-Zunge-um-die-Lippen-spielen während des Schreibens. Auf einer internationalen Tagung saß eine Kollegin neben mir, deren Schreibbewegungen von einer intensiven, nickenden Bewegung des Kopfes und der Halsmuskeln begleitet waren. Ganz offensichtlich erlernt und einfach nicht wieder abgewöhnt in Zeiten des Schreiben-Lernens.

Dann schließlich die erste Schreibmaschine: Das Üben mit dem Einfinger-Suchsystem auf den Tasten und als ich meine erste Schularbeit darauf schrieb: Das häufige Unterbrechen zum Korrigieren von Tippfehlern … Wie oft haben wir uns nach vorne über das Gerät gebeugt, an geeigneter Stelle den Tipp-Ex-Streifen angehalten und dann mit dem richtigen Druck die Buchstabenkorrektur eingefügt. Noch weit entfernt vom ersten Computer und den Bemühungen sich durch „CD.dir“-Befehle durch zu arbeiten, bis wir eine nahezu schwarze Desktopseite öffnen konnten, auf der grünlich leuchtend Schrift erschien.

Ob das Bedienen einer (virtuellen) Tastatur, das Führen eines Füllfederhalters oder der mittelalterliche Federkiel, das Malen/Schreiben hat immer einen technischen Aspekt, des Bedienens des Schreibgerätes: Wie bringe ich die Farbe auf den Untergrund, wie halte ich das Schreibgerät – oder wie halte ich meine Hände am Computer und welche Nebenwirkung hat das für mein Handgelenk. „Maushand“, heißt das dann, wenn diese Koordination daneben geht.

In der gegenwärtigen Diskussion um die Abschaffung des Schreibschrift-Lernens in den Grundschulen wird die Bedeutung dieser praktisch-technischen Aspekte des Schreibens viel zu wenig gesehen:

Ob ich mein Smartphone in der rechten Hand halte, meinen Kopf beim Squantschen / Wischen nach rechts drehe und dabei auf dem rechten Bein stehe, hat eine völlig andere Auswirkung auf die Grundlagen meines denkenden Geistes, als wenn ich aufrecht sitzend vor einem Computer sitze und mit beiden Händen – also beiden Gehirnhälften – Tasten tippend nach Worten suche, oder wenn ich am Boden vor Papierbögen sitze und mit großen Bewegungen meiner Hände Farbe meinen Gefühlen entsprechend auf dem Papier verteile. Das in der Eutonie angewandte bewegungsverbundene Lautieren von Vokalen und das Ertasten sogenannter Buchstabenwürfel beim Schreiben-Lernen, stimuliert ganz andere Bereiche unserer neurologischen Entwicklung und damit unserer zukünftigen Ausdrucksfähigkeiten mit Schrift und Sprache.

Auch wenn in unserer Kultur die Anzahl der Analphabeten nur langsam steigt, so ist die Anzahl der Personen, die schreibend sich selbst zum Ausdruck zu bringen in der Lage sind in den letzten Jahren beständig gesunken und zeigt sich als Schwierigkeit in vielen Ausbildungsberufen ebenso wie im kommunikativen Geschehen zwischen LiebespartnerInnen.

Das Kamel durchs Nadelöhr bringen – vom (Miss-)Geschick empfinden in schriftlichen Ausdruck zu bringen

Doch neben diesem „wie“ des Schreibens kommt unweigerlich die nächste Möglichkeit: Ich möchte mit der Schrift und durch die Schrift etwas zum Ausdruck bringen, was dann auch andere noch verstehen.
 

Aufhebung

sein Unglück ausatmen können
tief ausatmen so dass man wieder einatmen kann und vielleicht auch sein Unglück sagen können in Worten in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch verstehen kann
und die vielleicht sogar irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
und weinen können das wäre schon fast wieder Glück

Erich Fried

 
Welche LeserIn erinnert sich noch an die Gefühle des ersten Schulaufsatzes über ‚Mein schönstesFerienerlebnis‘. Wir konnten als MitschülerInnen doch hören, welche mühsam vorgetragenen Texte der KlassenkameradInnen von ihren Eltern vorformuliert worden waren und in welchen die Freude daran, das persönliche ihrer Erfahrung in Worte gekleidet zu haben, mit geschwungen ist. Erinnern sie sich als geneigte/r LeserIn noch an das Gefühl beim ersten Vorlesen eines selbstgeschriebenen Textes: Wie wenig das, was sie da lasen, mit ihrer eigenen Empfindung zu tun gehabt haben mag; oder wie stark der Prozess des Schreibens ihr Empfinden und ihre Erinnerung verändert hat!? Ich erinnere mich noch an Stunden, in denen ich Listen mit Wörtern ähnlicher Bedeutung angelegt und diese auf Karteikarten gesammelt habe, um für das Beschreiben meines Erlebens eine größere Bandbreite an Wörtern zur Verfügung zu haben. Es ist wie beim weiter oben beschriebenen Beispiel vom Malen des Kindes: Wir können bemerken, ab wann ein menschlicher Geist im geschriebenenText aktiv wird: Der Schreibende selbst nur wiedergibt, was ihm gesagt worden ist, oder bereitsals selbst Aktive/r und kreativ Gestaltende/r im Text sich auszudrücken sucht. In der mündlichen Überlieferung ist es die Betonung und jene die Rezitation begleitende Mimik und Gestik, die die persönliche Interpretation des Erzählenden ausmacht. Im Bild und in der Zeichnung wird nie nur realistisch dargestellt, was in der Welt zu sehen ist: Das Bild ist immer Interpretation desKünstlers. auch die kolorierten Ausgaben mittelalterlicher Texte sind in Art und Ausdruck ihrerAbschriften nie nur Kopie, sondern immer auch Interpretation, Betonung und Gestaltung der agierenden Schreiber, die an ihrem Stil auch (wieder-)erkennbar sind. Im geschriebenen Text ist es die Auswahl der Worte, die Umschreibung, das Finden von bildhaften Metaphern, die häufig mehr als viele Worte sagen, die Beschreibung von Eindrücken anderer Sinneskanäle oder aus der Perspektive anderer Personen in der Geschichte, die das persönliche einer Geschichte zum Ausdruck bringen.
 
Von altertümlichen handkolorierten chinesischen Wandbildern zu Multimediadokumenten historischer Ereignisse im Internet der Neuzeit.

Neben der technischen Bewältigung des Schreibens selbst und der Fähigkeit des Schreibenden, seine persönliche Interpretation oder seinen persönlichen Ausdruck im Schreiben zu finden, ist als Drittes zu verstehen, für wen das Dargestellte verfasst worden ist und wie es dann auch auf diese Menschen wirkt. In einer weitgehend von Analphabeten bestimmten Kultur haben Gemälde ebenso wie beispielsweise die reich gestalteten Kirchenfenster mittelalterlicher Kathedralen eine bedeutende Aufgabe zum Erhalt und zur Überlieferung von menschlichem Wissen, das in den dargestellten Mythen sich wiederfindet. Diese Aufgabe des Erhaltes und der Überlieferung in einer analphabetischen Kultur gilt auch für den Hüter der mündlichen Überlieferung des Schöpfungsmythos eines Volkes, wie am Anfang dieses Artikels beschrieben. In einer Schriftkultur hingegen ist immer aufmerksam zu betrachten, wer die Möglichkeiten hat, schreibend zu veröffentlichen und damit Wissen in die Kultur eines Volkes einzuspeisen. Schauen wir also darauf, wer die Möglichkeiten zu freier Meinungsäußerung in einer Kultur hat und wir wissen, wessen Freiheit in dieser Kultur bewahrt bleibt (8). Was z. B. ist demokratisch an einem Informationssystem, in dem nur Menschen Wissen austauschen können, die über eine Stromversorgung verfügen … Was mal eben für gute 40% der Weltbevölkerung nicht zutrifft (9). Was ist freier Zugang, wenn in immer mehr Ländern bestimmte Funktionen des Internets unterbrochen werden (z. B. das Internet in China, soziale Netze vor den Wahlen in der Türkei …)? Wir haben mehr Alphabeten in der Weltbevölkerung als im Mittelalter. Also können mehr Menschen am Austausch von Wissen und Informationen teilnehmen. Die sogenannten Multimedia-Dokumente erlauben außer dem Lesen einer Information auch das Hören von – oder das mehrdimensionale Sehen des Objektes unseres Interesses; erlauben also auch einen komplexeren Zugang, als das Blättern in einem Lexikon.

 
Und wir haben mehr Möglichkeiten, Meinungen zu teilen, als zu Zeiten, in denen außer dem Radio und der Tageszeitung keine anderen Träger von Informationen existierten: Wir können schreiben, telefonieren, öffentlich unsere Meinung kund geben, in Onlineforen argumentieren und viele andere Möglichkeiten mehr nutzen. Soziale Veränderungen wie beispielsweise der sog. „arabische Frühling“ zu Beginn des neuen Jahrtausends bezeugen die Wirkung dieser Medien, die vielen Menschen zugänglich sind.

Doch täuschen wir uns nicht darin, an welche Informationen wir denn wirklich heran kommen und welche vor uns verborgen werden: Die Nachrichten, die durch den Ex-Geheimdienstler und ‚Whistleblower‘ Edward Snowden 2013 publik geworden sind, lassen mich darüber zögern, wie frei wir am Ende derzeit in unserer Meinungsäußerung eigentlich sind. Es wird immer deutlicher, dass unsere digitalen Gewohnheiten von internationalen Konzernen wie Google & Co aufgezeichnet und zu Marketingzwecken aufgezeichnet werden.

Die einen sehen darin eine Unterstützung ihrer Suchabsichten, während andere Zweifel vor der wachsenden Macht dieser Konzerne, über die uns zur Verfügung stehenden Informationen und damit über unsere Entscheidungen zu haben beginnen. Die Nutzung von virtuellen Routenfindern macht vielen von uns das Leben und das Reisen leichter, während das Umstellen auf andere Menschen, andere Kulturen und Sprachen im Ausland immer weniger nötig wird. Diese Vereinfachung also hat auch eine Verflachung unserer sozialen Kontakte zur Folge und, wie uns die Neurophysio- logen eindrücklich schildern, bewirkt eine dauerhafte Veränderung der Wahrnehmung von uns selbst in unserer Umgebung (10).

Und schließlich verweilen wir bei jener neuen Art von Nachrichten zwischen Short Message System (sms), Twittern und Emails, die für viele LeserInnen zum täglichen Umgang geworden sind. Wir haben uns beim Auftauchen dieser Weisen zu schreiben verhalten wie Erstklässler, die einfach loslegen und erst beim Ausprobieren merken, welche Schwierigkeiten der Handhabung zu bewältigen sind…

Oder haben SIE einen dieser vielen Kurse besucht, wo uns beigebracht wird, wie Mensch Emails empfängt, schreibt und sortiert!? Die meisten LeserInnen werden irgendwann irgendwie ihre marginalen Computerkenntnisse auf ein Emailprogramm erweitert und zu schreiben angefangen haben. Sie haben sich mit den einfachsten technischen Hindernissen, die diese Art des Schreibens beinhaltet, nicht beschäftigt und formen mit allen anderen die Kultur des Email-Schreibens.

In der Schule stand noch als Unterrichtsfach, was eigentlich ein Brief enthalten sollte: Von Briefkopf über Anrede zu Schlussformel und wünschens- wert wären diese Dinge auch fürs Emailschreiben. Gerade eine treffende Kurzbeschreibung im „Header“ würde allen Beteiligten das Wiederfinden und Sortieren dieser Post viel leichter machen. Wenn wir einmal ein Schreiben der kaiserlichen Untertanen an einen Bürovorsteher des 19. Jahrhunderts betrachten, finden wir am Anfang eine Anzahl Anredeformen, über deren Folgen für das Selbstbewusstsein der Schreibenden sich streiten ließe.

Ohne Zweifel aber hilft die Anrede dabei, eine Einschätzung der Beziehung zum Adressaten der Email vorzunehmen, die nicht unbedeutend für den weiteren Schreibstil sein wird: Wenn ich mir durch das Schreiben der Anrede darüber klar werde, ob ich meinem Kollegen in Übersee maile, einer alten Freundin, oder auch einer unbekannten Person, wird das meine Art des Schreibens beeinflussen können. Sie schreiben drauf los und dann fällt ihnen am Ende noch eine ganz andere Sache ein, die eben mit vermerkt wird, aber mit dem Inhalt der Mail gar nichts zu tun hat und wundern sich dann, wenn der Empfänger auf dies‘, was früher mindestens noch mit einem „p.s.“ markiert war, nie reagieren wird.

Zum Schreiben von Emails haben wir zudem eine unbekannte Anzahl technischer Probleme zu bewältigen, die mit der Arbeitsweise des Computers, Smartphones oder anderem technischen Hilfsgerät zu tun haben. Bevor wir eine kurze ‚Info‘ schreiben, müssen die meisten von uns sich durch eine Reihe von „Funktionen“ bewegen, die unsere Konzentration vom eigentlichen Schreiben, vom Sinn und Impuls unseres Schreibens ablenken. Und wer behauptet, an die vielen Bildanimationen bei Online-Email-Programmen würde Mensch sich gewöhnen, sei auf die aktuellen Studien hierzu verwiesen, die bestätigen, dass diese Animationen häufige „User“ in ihrer Konzentration stark beeinträchtigen (11).

Vergegenwärtigen wir uns den Aufwand zum Schreiben eines Briefes im 20. Jahrhundert noch einmal: Vom Herstellen einer Schreibunterlage (wozu mindestens ein Platz auf dem Tisch geschaffen werden musste), über das Zurechtlegen der Schreibunterlagen, dem Vorbereiten des Schreibgerätes (anspitzen, Tinte nachfüllen …), dem Schreiben der Linien und den assoziativen Folgen beim Schreiben von Worten, wie sie von Octavio Paz so wunderbar beschrieben wird (12.) Bis zum Einlegen in das Kuvert, dem Anlecken des Klebefilms und dem Adressieren, so können wir daran erkennen, wie viele Sinne daran beteiligt waren. Heute hingegen können wir mit einem technischen Hilfsgerät in nahezu jeder alltäglichen Situation solche Schreiben versenden und auch empfangen. Warum nur ist niemand auf die Idee gekommen, dass wir dafür auch Zeit brauchen!? Alle schreiben mal eben zwischendurch …

Irgendwie und -wo und manches, was uns da an Nachrichten erreicht, wirkt doch sehr durcheinander und hat Folgen für das In-Beziehung-sein, die wir beim Briefe schreiben vermieden hätten. Und manche können noch nachts mit Menschen am anderen Ende der Welt online spielend schreiben, bei denen gerade der Morgen dämmert. Wir brauchen noch immer Zeit zum Schreiben und manche haben bisher nicht bedacht, dass, so wie früher der Weg zum Briefkasten um die morgendliche Post zu holen ein Ritual gewesen ist, das ritualisierte, regelmäßige Abholen von Emails zu festen Zeiten für das Lesen und Beantworten ganz hilfreich ist (13).

Wenn ich weiter oben geschrieben habe, dass wir am Zeichnen eines Kindes erkennen können, wann der menschliche Geist dazu kommt – das Kind willentlich etwas Bestimmtes zu malen versucht – gilt das auch für das Schreiben in den neuen Medien? Kennen LeserInnen dies Phänomen, während des Lesens einer SMS, Email oder Twitter Botschaft die Stimme der Person zu hören? Wir ergänzen was wir lesen durch unseren Geist und versuchen dadurch wichtige Aspekte der Textnachricht wahrzunehmen: Die Stimmung in der diese Nachricht geschrieben worden ist; die vermutliche Beziehung, die wir zu dieser Person haben; den aktuellen Konflikt und seine Auswirkungen auf unsere Beziehung…

All dies ergänzen wir beim Lesen der digitalen Zeichen und – wenn uns nicht der Einsatz einfacher Emoticons dabei hilft – missdeuten, fehlinterpretieren wir Nachrichten dabei, was Kommunikation in Umwege führt… Die irgendwann dann doch eines persönlichen Kontaktes zu ihrer Klärung bedürfen. Eine Studie über die Auswirkung dieser Situation auf SprecherInnen einer stärker als das deutsche kontextabhängigen Sprache wie beispielsweise dem Chinesischen, existiert derzeit meines Wissens noch nicht.

Sechs zweifelhafte Umgangsformen mit neuen Medien

Ausgehend von einer in meinem Berufsfeld Kategorisierung möchte ich hier – mit einem humorvollen Auge – verschiedene Umgangsformen mit den modernen Medien exemplarisch schildern (14).

Die fragmentierten Nutzer neuer Medien befinden sich manchmal nach einer intensiven Phase von Computerspielen nicht ganz in der allgemeinverbindlichen Welt. Sie wissen nicht zu reagieren auf Menschen, deren Kampfkraft, Sensibilität oder Sprache sie nicht vorher in den Spielregeln haben einstellen können. Wir erkennen sie auch an der wiederkehrenden sprachlichen Ver- wechslung technischer mit neurologischen Phänomenen: Sie sagen: „Da musst du dich mal umprogrammieren“ und meinen vielleicht: ‚Ändere dein Verhalten‘; oder empfehlen: „Das Programm musst du einfach mal löschen“, während sie sagen könnten: ‚Dein Verhalten passt hier nicht in diese Situation.‘ Und sie sagen: „Drück doch mal auf Reset, bevor du hier weiterquasselst“, wenn sie uns zu verstehen geben wollen: ‚Denk doch mal darüber nach, was du gerade sagst.‘

Ganz anders die bedürftigen NutzerInnen: Sie hoffen immer bange, dass auch nur irgendjemand auf die vielen ausgesandten Nachrichten antwortet. Sie teilen gerne anderen mit, wo sie sich gerade befinden und was sie empfinden und wünschen sich nichts mehr, als das andere dafür Bewunderung aussprechen… Und teilen auch gerne schnell ihren Ärger, wenn mal wieder niemand reagiert.

Die sogenannten geschwollenen oder im Fachjargon auch „psychopathisch“ genannten Nerds drängen darauf, dass alle Kontaktpersonen, auch jene, die ihre Nachrichten nur als ‚Cc‘ kriegen, die Details der Mails inklusive aller Anhänge gelesen und sich zusätzlich auf Abruf gemerkt haben, so dass beim nächsten persönlichen Treffen, auf alle Informationen Bezug genommen werden kann.

Weit entfernt davon dagegen jene NutzerInnen, die früher „maso- chistisch“ genannt wurden und die heute wegen ihrer auffallenden Körperstruktur als die komprimierten Typen gelten: Sie haben grundsätzlich den Eindruck, dass das benutzte elektronische Gerät ohnehin einen eigenen Willen hat. Sie haben kein Bewusstsein darüber, wann sie mit welchem Finger genau welche Taste berühren. LeserInnen werden so oft Ausflüchte über die Probleme mit der Technik hören: ‚Schon wieder die Festplatte komplett abgestürzt‘; oder ‚jetzt gleich werde ich keine Funkverbindung mehr haben‘ und ‚leider konnte ich deine Email nicht umformatieren‘; dass die Häufung technischer Probleme bei diesen Zeitgenossen uns einfach ärgerlich auf diese NutzerInnen werden lässt.

Harte Schale, weicher Kern und vice versa: Die rigiden Typen nutzen dies‘ Medium erklärter Massen nur für den sachlichen und schnellen Informationsaustausch. Nur manchmal bricht plötzlich eine seitenlange Email voller rührender oder wütender Gefühle sich ihre Bahn, und hinterlässt die LeserIn überwältigt. Oder sie nutzen in SMS viele Emoticons für Kurzbeschreibungen emotionaler Zustände, während die folgenden Telefonanrufe von großer emotionaler Distanz und Vernünftigkeit geprägt sind. Zu ihnen gehören auch jene Technikfreaks, die beständig neue Apps downloaden, genau wissen, was man heute grade ‚auf der Festplatte‘ haben muss und wie dumm doch jene sind, die das noch nicht verwenden können.

Und schließlich jene wechselnden Typen, die in der alten Nomenklatura ‚hysterisch‘ genannt wurden: Wenn sie eine SMS bekommen, antworten sie per Email; oder wenn er in einem Chatroom eine Frage erhält, spricht er während der folgenden Autofahrt die Antwort auf einen Anrufbeantworter und sie regen sich garantiert fürchterlich darüber auf, wenn nicht sofort eine Antwort kommt.

Wo führt uns das alles hin

War also bei dem Darsteller altaiischer Epen, die Fähigkeit zur Vermittlung von Wissen noch Teil einer Volkskunst, die nur innerhalb einer Familie und teilweise im Geheimen bewahrt tradiert worden ist, so ist in der mesopotamischen Kultur das Bewahren von Wissen, das Zeichnen und Malen von Pergamenten zur Tätigkeit einer ebenso professionellen wie elitären Klasse geworden. Wir haben heute das Schreiben als Kulturphänomen breiter gesellschaftlicher Schichten zu vergegenwärtigen und die Bildungsbemühungen, vor allem zur Förderung von Frauen gehören zu anerkannten Schlüsselaufgaben der Zukunft (15).

Wir erleben diese Veränderung der Bedingungen des Schreibens auch als eine Änderung der neurologischen Entwicklung: Wo früher über die Nutzung des Schreibgerätes, der Qualität von Papier und Farbe der sinnliche Eindruck der Schreiberfahrung im Vordergrund stand, wird das Schreiben immer mehr zu einer Aktivität der schnellen Koordination zwischen Finger- und Augenbewegungen. Schon heute werden beispielsweise Zeichentrickfilme produziert, deren Tempo beim Abspielen im Kino breite, ältere Bevölkerungskreise aus den einfachen Gründen vom Genuss ausschließt, dass die visuellen Fähigkeiten der Zuschauer an das Tempo der Bilderwechsel nicht mehr ausreichend angepasst sind.

Würden wir die Arbeitsweise unseres Gehirns bei diesen Tätigkeiten transparent machen können (z. B. mit einem FMRT-Scan), würden wir eine weniger komplexe Verschaltung des Schreibens mit den Arealen für Bewegung und Gedächtnis erkennen und dafür eine viel stärkere Aktivität in der Verbindung zwischen den visuellen Arealen und den weit verteilten Arealen für die Motorik der Hände (16).
Alle Dinge haben zwei Seiten und wir gewinnen aus dem Verlust der sinnlichen Komplexität der Schreiberfahrung die Entstehung eines Bewusstseins, dass sich größerer, globaler Zusammenhänge mehr bewusst ist: Der Verlust ehemals einer privilegierten Kaste vorbehaltenen sinnlich-künstlerischen Ausdrucksformen steht entgegen, dass bei dem großen Erdbeben in Haiti 2010 erstmals anhand der möglichen GPS-Ortung eingehender SMS-Meldungen Menschenleben gerettet werden konnten; steht entgegen, dass in Afrika breite Teile der ländlichen Bevölkerung ihre Geld- und Handelsgeschäfte mittels solarenergiebetriebenen Handys abwickeln können (17); steht entgegen, dass Leihbüchereien in Bangladesch auf der Basis eines handygestützten, digitalen Ausleihsystems die Bildungsbestrebungen in entlegenen Gebieten fördern (18).
Das bedeutet eine größere Kontrolle durch international agierende Organisationen, aber auch die Einsicht in Bedingungen, die für alle Menschen an vielen Orten der Welt zu mehr Glück, Harmonie, Gesundheit, Hoffnung und Humor beitragen können.

Bernhard Schlage, April 2015

Literaturangaben

    (1)  Maria Efremowa; Maaday Kara – Altaier Heldenepos; Frankfurt am Main 1999
    (2)  Altaidin Erjunely Entschusu; CD-Aufnahme einer Original- Rezitation von Kalkin 2004
    (3)  James Wasserman; The egyptian Book of the Dead; San Francisco 2008
    (4)  Klaus Mlynek (Hrsg.); Stadtlexikon Hannover, Hannover 2009
    (5)  Michael Wood; Babylons Vermächtnis; München 1997; Gilga MeschEpos S. 26ff
    (6)  Andrew Robinson; Die Geschichte der Schrift; Düsseldorf 2004; über phönizische Schrift ab S. 158
    (7)  Ludwig Klages; Über Graphologie; das große Buch derGraphologie
    (8)  Dieser Absatz entspricht sinngemäß dem Vorspiel zum Song’Marianne‘ der Musikkabarettgruppe „Schmetterlinge“ aus der CD „Proletenpassion“, (Punkt 28.42); 1989
    (9) Stromversorgung der Weltbevölkerung!?, in: Spektrum derWissenschaft: 6.6.2000: Rund 1,6 Milliarden Menschen leben ohne Strom, das entspricht 30 Prozent der Weltbevölkerung. Wie aus einer Studie des Weltenergierats CME hervorgeht, ist die Zahl der ans Energienetz angeschlossenen Personen seit 1993 zwar um rund 300 Millionen gestiegen. Für das Jahr 2020 rechnet man aber mit einem Anstieg der ’stromlosen‘ Weltbevölkerung auf zwei Milliarden. Gleichzeitig werde die Energienachfrage um 40 bis 50 Prozent zunehmen.
    (10)Manfred Spitzer; Digitale Demenz; München 2012; S. 41 ff
    (11)manfred spitzer; Digitale Demenz; München 2012; S. 222ff (12)in: Adler oder Sonne; Frankfurt am Main 1991; S. 25:
    „Es macht die Runde, schleicht sich ein, kommt näher, entfernt sich, kommt auf Zehenspitzen zurück und verschwindet, sowie ich die Hand nach ihm ausstrecke: Ein Wort. Ich kann nur seinen stolzen Kamm erkennen: Cri. Christus, Kristall, Krimi, Krim, Kritik, Christine, Kriterium? Und von meiner Stirn legt eine Piroge ab mit einem speerbewaffneten Mann darin. Das leichte, zerbrechliche Boot durchschneidet schnell dir schwarzen Wolken, das Gewoge des schwarzen Blutes meiner Schläfen. Und es entfernt sich nach innen. Der Speerfischer späht in die dunkle, dräuende Wolkenmasse am Horizont, er richtet den scharfen Blick in den grollenden Schaum, spitzt die Ohren, wittert. Bisweilen quert die Dunkelheit ein lebhaftes Flimmern, ein grünschuppiger Flossenschlag. Es ist der Cri, der für einen Augenblick auftaucht, Atem holt und wieder in die unergründlichen Tiefen verschwindet. Der Fischer bläst in das Horn, das ihm von der Brust hängt, aber der klagende Heulton geht in der Wasserwüste unter. Da ist niemand auf dem großen Salzsee. Und sehr fern ist schon der steinige Strand, sehr fern sind die schwachen Lichter der Hütten seiner Gefährten. Von Zeit zu Zeit taucht der Cri erneut auf, zeigt seine unheilbringende Flosse und verschwindet wieder. Der faszinierte Ruderer folgt ihm, nach innen, immer weiter nach innen.“
    (13)Sherry Turkle; in: Wirtschaftmagazin Brand Eins; Ausgabe 04/2011
    (14)Die Typologisierung beruht einem aus der Körperpsychotherapie stammenden Modell: vgl.: Schlage, Bernhard; Die Entdeckung des (un-)Möglichen; Berlin 2008; S. 161 ff oder
    Bäurle, Roland; Körpertypen – vom Typentrauma zum Traumtypen; Saarbrücken 1999;
    (15)Vision 2050 – Die neue Agenda, Kurzfassung; world business council for sustainable development; Genf/Schweiz Februar 2010, S. 12
    (16)vgl. Der „Somatosensorische Homunculus“, in: Charles Hampten- Turner; Modelle des Menschen; Weinheim 1986; S. 75
    (17)Laurence Allart; smart power – das Handy als politisches Instrument; in: le Monde diplomatique, Berlin, mai 2012
    (18)Beatrix Schwehm; Erlesene Welten – hungry minds; Dokumentarfilm bei arte, 2013

kontakt:
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körperpsychotherapie, schriftstellerei

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