die vergessene bedeutung unserer sinne für unsere orientierung im alltag

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unfreiwillig geistig leben
unveröffentlichtes manuskript über die vergessene bedeutung unserer sinne für unsere orientierung im alltag
                                                     erinnere dich,
                                              dass wir immer wieder
                                zur betrachtung des körpers selbst,
                                       in krankheit und gesundheit,
                                               zurückkehren müssen,
                                             wenn wir lernen wollen
                                                        hippokrates




alle suchen nach erlösung vom physisch-materiellen und jene denen es widerfährt leiden darunter
wie selbstverständlich benutzen wir tagein, tagaus unsere sinne zu unserer orientierung. über ihre bedeutung für unser leben aber werden wir uns oft erst durch eine störung bewusst: wenn wir etwa andauernde ohrgeräusche entwickelt haben und unsere lieblings cd nicht mehr ungestört hören können, oder plötzlich eine brille brauchen, um unser liebstes buch noch lesen zu können. aber was passiert, wenn wir nicht mehr fühlen können? unsere fähigkeit fühlend
wahrzunehmen scheint gerade den allzu vernünftigen unter uns nicht mehr wichtig zu sein.
empfindungen sind oft störend, oder verlangen umwege von uns, wo doch der vernünftige weg viel schneller zum erfolg führen würde. brauchen wir also unser fühlen überhaupt noch? der autor beschreibt nun in seinem artikel die folgen eines verlustes unserer fühlenden selbstwahrnehmungin eindrucksvoller weise. natürlich verfremdet aus der sichtweise eines unfreiwillig erkrankten.
es gibt menschen, denen widerfährt, was viele andere sich wünschen: sie fühlen keine schmerzen mehr. aber genau das bringt die betroffenen in lebensgefährliche situationen. erwin d., wie der exponent der folgenden geschichte genannt wird, ist schlimmer betroffen, dabei fing es ganz unscheinbar an:erwin d. liegt im krankenhaus. etwas seltsames ist in den letzten tagen in ihm vorgegangen. es war so, als würde er mehr und mehr seiner eigenen existenz beraubt werden.
es hatte in den zehen begonnen und fühlte sich zunächst wie eine taubheit an. nun ja, so was kommt mal vor und gerade wegen seiner langen wanderungen in kanada, wo er seinen urlaub verbracht hatte, dachte erwin d., es mag wohl an den neuen schuhen gelegen haben.
mit dieser taubheit war erwin d. abends zu bett gegangen. am morgen jedoch, als er erwachte und aufstehen wollte, beschlich ihn ein unangenehmes gefühl. er konnte es zunächst garnicht genau beschreiben. doch etwas hinderte ihn daran, einfach die decke hochzuschlagen und aufzustehen.
es durchfuhr ihn ein panisches entsetzen, als er realisierte, woher dieses unangenehme gefühl kam: er spürte seine füsse nicht. nein, es war nicht wie die taubheit der zehen vom gestrigen abend. es stand unveränderlich fest. jenseits allen zweifels: seine füsse waren ihm über nacht abhanden gekommen und er wäre von nun an ausserstande, selbstständig aufzustehen und zu gehen.
einige zeit dämmerteerwin d. so in seinembett. seinherz hämmerte unerbittlich in seinerbrust, docherwin d.’s geist war ohne anrückkehr auch nur zu denken unterwegs nach nirgendwo. irgendwohin, wo es besser, leichter auszuhalten war, als hier. er dachte an vergangenezeiten: wie es war, als er nochlibero des örtlichenfussballclubs gewesen war und seine freunde ihmzujubelten, wenn er wieder mal einen seiner genialenpässe geschlagen hatte; oder er erinnerte sich an seine tage ammeer, wo er in derbrandung desatlantik gestanden hatte und den richtigenmoment abzupassen versuchte, um in die geradeummkippende wellehineinzuspringen und sich ansufer gleiten zu lassen. mehr als einmal war er dabei von den wellen unterwasser gezogen und wievoneiner riesigenwalze auf den sandigenuntergrund gepresst worden, bis er schliesslichdurchwalkt undwasserspuckend aber glücklich amstrand angeschwemmt worden war.erwin d. spürte ein bedürfnis zu urinieren und nahm gedankenverloren die zudecke beiseite. es traf ihn wie ein zweiter schlag: seine füsse waren da. dort. direkt am ende seiner beine konnte erwin d. seine füsse sehen. aber nicht fühlen. er konnte seine füsse bewegen, wenn er hinsah, aber sobald er seine augen woanders hinrichtete, hatte er nicht die geringste ahnung wo sie sichbefinden mochten.
probehalber betrachtete er seine füsse, nahm sie gemeinsam aus dem bett und stellte sie auf denfussboden. im selben moment aber, wo er den blick anhob, wurde ihm klar, dass er so nie wieder würde stehen können. erwin d. fand an diesem morgen heraus, dass er mit seinen füssen zum bad gehen konnte, wenn er mit seinen augen fortwährend auf die bewegungen seiner füsse sah. er wäre beinahe von der kloschüssel gefallen, als er sich etwas zur seite neigte, um klopapier zu nehmen und dabei für einen moment vergas, auf seine füsse zu sehen: er verlor das bewusstsein für die möglichkeit, sich mit seinen füssen abzustützen und konnte sich gerade noch rechtzeitig mit der hand am badewannenrand festhalten.

das ganze war über alle massen beunruhigend gewesen. um sich zu beruhigen hatte er sich zunächst wieder in sein bett gelegt. er wollte einen klaren kopf bekommen, bevor er etwas unternahm. auf dem weg hatte er sein mobiles telefon aus der aufladestation genommen und auf seinen nachttisch gelegt. als er sich auf sein bett setzen wollte, kippte er nach hinten über und schlug heftig mit dem hinterkopf an die wand. nachdem er seinen brummmenden schädel gerieben hatte, fragte er sch, wie es dazu hatte kommen können. erwin d. konnte sich noch daran erinnern, dass seine matraze nachgegeben hatte, als er sich darauf setzte. schon seit jahren wollte er sich eine neue besorgen, doch war er bisher zu bequem gewesen, sich um den vergleich verschiedener qualitäten und modelle zu kümmern. beim einsinken in der matraze hatte er den blick von den füssen gelöst und war ohne die geringste möglichkeit sich balancieren zu können, hintenüber gefallen.
behutsam legte es sich unter seine decke. ihm war fröstelig zumute und das lag nicht nur daran, dass er im sommer gewöhnlich kein nachthemd trug.
er war vom klingeln seines telefons wach geworden. der ton riss ihn aus traumbildern, in denen er in der strömung eines rasch ansteigenden flusses stand und verzweifelt versuchte ans ufer zu gelangen. der schweiss stand ihm auf der stirn: während das telefon klingelte wurde sich erwin d. bewusst, dass er nicht die geringste ahnung hatte, wo sich seine hände und arme befanden. er konnte seine beine bewegen und seinen rumpf auf der matraze wälzen. über die existenz seines geschlechtes war er sich nicht so sicher. aber das war zurzeit sein geringstes problem. wo um himmels willen waren seine arme?
erwin d. verhielt sich in seinem bett wie einer, dem kurz vorm verlassen der haustür nicht einfallen will, wo er die wohnungsschlüssel hingelegt hat. halb fluchend, halb schimpfend bewegte er sich hektisch in seinem bett hin und her. schliesslich gelang es ihm, mit seinen knien die decke beiseite zu zerren und er sah, dass er auf seinem rechten arm lag; das heisst eigendlich sah er nur seinen rechten oberarm. über die anwesenheit seines rechten unterarms konnte er zu diesem zeitpunkt keine aussage machen. in dem moment. wo er seinen oberarm sah, begann er wie wild dran zu reissen und starrte mit weit aufgerissenen augen auf das bläulich, faltige etwas, dass er da unter sich herausholte. kaum dass er seine hand sah, griff er mit ihr nach dem telefon. es war zu spät. das klingeln hatte eben aufgehört.

erwin d. hatte schliesslich mit mühe auf seinem telefon die nummer des notarztes wählen können. es war ihm seltsam vorgekommen die rettungssleitstelle darum zu bitten, in seine eigene wohnung in seiner anwesenheit einzubrechen, um ihn aus seiner lage zu befreien. doch er war unsicher darüber geworden, welche körperfunktionen er als nächstes verlieren würde. er fühlte sich schliesslich eigendlich nicht wirklich krank. er hatte kein fieber. ihm war nicht schlecht und sein herzklopfen schien ihm durchaus seiner situation angemessen zu sein: schliesslich wurde man nicht alle tage seiner eigenen körperlichen existenz beraubt.

als er im krankenhaus aufgenommen wurde, sollte er diesen zettel da unterschreiben. aufmerksam glitt er mit seinen augen von seiner schulter abwärts seinen arm entlang. erst als er diesen unter der bettdecke hervorgeholt hatte, fand er seine hand. während er sich mit den augen nach einem stift umsah, war seine hand vom bett gefallen und an einem hebel aufgeschlagen. er hatte sich die haut aufgeschürft und ein dickes hämatom zugezogen. ein pfleger hatte ihm einen leichten salbenverband umgelegt. schliesslich hatte er mit den augen seine hand auf dem weg zm kugelschreiber begleitet und unbeholfen seine krakelige unterschift zu zeichnen begonnen. der arzt hatte ihn etwas gefragt, woraufhin erwin d. aufgesehen hatte. unweigerlich war seine hand vom stift geglitten und hätte der pfleger nicht geistesgegenwärtig seine hand aufgefangen… er hätte nicht gewusst, wo sie diesmal gelandet wäre.
er versuchte sich über seinen zustand klarer zu werden. tatsache war bei genauer betrachtung, dass er ein völlig gesunder mann von mitte dreissig war, der kurz davor stand, eine neue arbeitsstelle bei einem grossen software-hersteller anzutreten. unbestreitbar war aber gleichzeitig, dass er von stunde zu stunde etwas zu verlieren schien, was ihn der tatsache seiner physischen existenz beraubte. aber was war das? was versetzte einen menschen in die lage, den auffenthaltsort sagen wir seines eigenen beines bestimmen zu können? er musste darüber mit jemandem sprechen.
es war zwei tage später, dass die morgenschwester sich erdreistete zu behaupten, er hätte sich über nacht eingenässt. das war ja wohl das übelste, was man ihm je unterstellt hatte. schliesslich war er ein erwachsender mann und würde selber fühlen…

als die schwester schliesslich die bettdecke anhob und er sah, was geschehen war, stieg ihm die
schamesröte ins gesicht. der freundliche neurologe der nun bestellt wurde, erklärte ihm, was erüber seine krankheit wusste. aber an seinem zustand ändern konnte er auch nichts. was half es ihm zu wissen, dass er an einer entzündung der nervenfasern seines ‚propriozeptiven sinnes‘ litt. bis dahin hatte er noch nicht einmal von der existenz eines solchen sechsten sinnes gehört.
später hatte er darum gebeten, sich videobänder von seinem wanderurlaub in kanada anschauen zu dürfen. bei der fernsehstunde war er seltsam unbeteiligt erschienen und hatte auf nachfrage davon berichtet, dass er sich auf den bildern zwar wiedererkennen, aber sich nicht vorstellen konnte, jemals solche bewegungen ausgeführt haben zu können.

nach einigen wochen hatte man an seinem magen von aussen eine sonde befestigt, die ihn mit nährstoffen versorgen sollte. er vergass ihre existenz immer wieder, weswegen es mehrmals zu komplikationen gekommen war. erwin d. versuchte den ärzten klar zu machen, dass es ihm helfen würde, wenn sie ihn nicht unter dem laken zudeckten. er hatte seine beine aus demselben grunde bereits völlig vergessen. auch seine arme vergass er in letzter zeit öfter. es war so, als würde er ihrer existenz auch in seiner erinnerung beraubt werden. doch wenn man ihn länger aufgedeckt liess, drohte sein körper dermassen auszukühlen, dass die gefahr einer ernsthaften erkrankung bestand. das wiederrum war erwin d. nicht klar zumachen. sein sinn für die notwendigkeit körperlicher wärme war mit dem verlust seiner körperlichen wahrnehmung abhanden gekommen.
niemand konnte sichtbar bemerken, was erwin d. fehlte und doch war eine wesentliche fähigkeit in ihm verloren gegangen. er gehörte jetzt zu den etwa einhundert menschen auf dieser erde, die geistig in unserer welt leben, ohne wirklich an ihr teilhaben zu können.

Literatur
(diese geschichte bezieht sich auf zwei klinische berichte über die auswirkungen von erkrankungen der basal-ganglien auf unsere haltung:
– 1. j.p.martin; basal ganglia and posture; london 1987
– 2. j.d.cole; observations on a man without large myelinated
fibre…; aus: congessbericht der physiolog.gesellschaft von
england vom februar 1986
– 3. auch oliver sacks besschreibt in: ‚der mann der seine frau
mit einem hut verwechselte‘; reinbeck 1991 mehrere ähnliche fallbeispiele: s.69: die körperlose frau; s.99: phantombeine; s.103: schräglage.)
– (der artikel steht in der klinischen erzähltradition des russischen neurologen l.f.lurija und wurde direkt durch ein fallbeispiel des bekannten britischen autors oliver sacks inspiriert: die körperlose frau (in: der mann der seine frau mit einem hut verwechselte; s.86ff)

kontakt:
bernhard schlage
körperpsychotherapie, schriftstellerei
gemeinschaftspraxis kugel e.v.
in der steinriede 7, hofgebäude
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