über den raum des träumens

über den raum des träumens
oder: der beitrag der erfahrung kosmischer weite zu
unserer heilung
wir saßen zusammen in seinem ail, einer hölzernen rundhütte mit
einer feuerstelle in der mitte. trotz des kalendarischen sommers
hatte es heute nacht in den sibirischen bergen erstmals frost
gegeben. das feuer züngelte an den hölzern, die gemäß dem
altaiischen volksglauben nie über kreuz liegen dürfen, um unglück
zu verhindern.
sein gesicht war alt und wettergegerbt. nikolai war sein leben
lang lehrer an der grundschule des dorfes menbur-sokkon, in der
nähe der kasachischen grenze, gewesen. später hatte er sich darauf
verlegt, jemand wie 'die gebrüder grimm des altai' zu werden: er
sammelte altes wissen, geschichten und mythologien seines volkes.

"die schamanen können zu jeder zeit ihre energie an jeden
beliebingen ort dieser erde bewegen. unter euch sind einige, die
dazu gute vorraussetzungen haben." um seine worte zu illustrieren
bat er uns, spirituell suchende aus dem fernen deutschland, unsere
augen zu schließen und mit unserem geist in unsere heimatliche
wohnung zu reisen. und tatsächlich, einige von uns sahen die
häusliche umgebung erstaunlich klar und plastisch vor ihrem
geistigen auge. fast 6000 km entfernt erschien uns unsere
heimstatt vor augen. während menschen unseres alltages dies als
bloße fantasie abtun würden, galt für uns als geübte träumerInnen,
dass wir hier eine einfache übung für das 'wachträumen' einer
alltagssituation ausprobierten. (diese und andere fachbegriffe
siehe: 1) natürlich hatten wir das schon oft geübt, und so
erschien es dem alten dorflehrer nur folgerichtig, in uns
schamanische anlagen zu erkennen.
eine stunde später, nach dem frühstück, fanden wir uns an einem
von nikolai shodojev so benannten 'idolstein' zusammen. wir
sollten unsere hände darauf legen und beschreiben, welche
wahrnehmungen sich vor den eigenen augen einstellten. der stein
war keinen meter hoch, so dass wir uns auf einem einfachen schemel
davor hockten. er sah zunächst aus, wie ein sorgfältig geglätteter
speckstein. die berührung des steines war, den außentemperaturen
entsprechend, ziemlich kalt. trotzdem legte ich meine hände darauf
und augenblicklich stellte sich eine eindrückliche vision ein: ich
befand mich am rand eines bergplateaus, in zwei- oder dreitausend
metern höhe. ich saß am rand einer arena, umgeben von den spitzen
noch höherer berge. direkt gegenüber öffnete sich die kulisse in
eine unendliche weite, aus der ein angenehmes, warmes licht
strahlte.
froh darüber, ein solch schönes bild gesehen zu haben, fertigte
ich auf nikolais anregung hin, eine skizze an und er erklärte mir,
ich hätte die kraft von umaj gesehen. nun muss man wissen, dass
diese kraft im sibirischen altai zugang zu den schöpfungskräften
symbolisiert und ich war einigermaßen überwältigt von dem
gesehenen und seiner interpretation.
danach, als ich in shodojevs garten saß, um mich aufzuwärmen,
versuchte ich weiteren details des bildes nachzuspüren. mir wurde
deutlich, dass ich es gar nicht in meinem kopf gesehen hatte.
vielmehr hatte sich vor meinem geistigen auge ein raum geöffnet,
in dem das bild des bergplateus wie auf einer leinwand entstanden
war. der vergleich mit der leinwand hat aber nur eine
zweidimensionale qualität. besonders an dem von mir gesehenen bild
war jedoch, dass ich mich wirklich in der silouhette der bergwelt
empfand. beinahe hätte ich sagen können, dass ich die frische luft
dort oben empfinden konnte (wenn es nicht einfach die kälte des
ortes war, an dem dieser idolstein stand). gerade die tiefe und
weite des blickes zu jenem licht am anderen ende des bergplateaus,
machte die stärke der vision und ihre kraft für mein empfinden
aus.

die entdeckung des menschlichen riesenkörpers
einige wochen später fand ich in einem buch des tibetischen
meditationslehrers tartang tulku (2) folgende übung: man solle
sich auf einen freien platz in der natur begeben und darauf
achten, ungestört zu sein. dann solle man sich den eigenen körper
etwa 10 mal vergrößert vorstellen und diesen schwebend über dem
eigenen kopf wahrnehmen. nun hätte man das ergebnis, einen
natürlich existenten raum mit der vorstellung des eigenen körpers
zu umschließen und man solle darauf achten, was in diesem
sogenannten 'riesenkörper' vor sich gehe. tulku hob in seiner
beschreibung besonders hervor, dass bei regelmäßiger übung die
eigene sensibilität für jenen raum sich zunehmend steigern würde.
eine übung, die mir auch aus dem kampfsport bekannt war, wo es
darum ging, einen raum um die eigene person von etwa 2 metern
durchmesser zu visualisieren und auf feine veränderungen zu
achten, bevor ein gegenüber in diesen raum eintritt. hier galt es,
frühzeitig die intention des gegners intuitiv zu erfassen und
damit einen vorteil im nachfolgenden sportlichen zweikampf zu
erlangen.(3)
was aber, wenn wir uns nun vorstellen, dass wir mithilfe eines
wachtraumes einen raum vor uns oder um uns zu öffnen wagten?
zunächst begann ich damit, mich bei anderen träumenden über deren
raumempfinden zu erkundigen. dabei entdeckte ich erstaunliches:
viele träumerInnen können einen deutlichen unterschied zwischen
dem raumerleben im traum und jenem beim erzählen oder notieren
dieses traumes beschreiben: der traumraum wurde jedesmal viel
größer wahrgenommen, als jener der erinnerung. zudem war
eindrücklich, dass die empfindungen träumender, räumlicher weite
bei einer person selten variierten. und wenn, empfanden die
träumenden eine ausweitung der räumlichen tiefenwahrnehmung
ausnahmslos als besonders entspannend und heilsam.
auch wenn, umgekehrt, menschen in besonderen stresssituationen
beschreiben, wie eng und gedrückt sich deren raumempfinden
darstellt, ist das ein beispiel für den zusammenhang von
raumerleben und empfinden.
nikolai shodojev setzte seine erzählungen damit fort, dass es in
der altaiischen mythologie ein 'kangygi-raum' genanntes feld gab,
das sich entlang der milchstraße von der erde bis zum polarstern
ausdehnt. in diesem raum befinden sich der sage nach alle
altaiischen geister und nach dort erhebt sich in jeder nacht jener
teil der menschlichen seele, der sich nach kontakt mit diesen
geistern sehnt. wir träumen also gemäß dieser mythologie, weil in
unserer seele eine kraft angelegt ist, die sich in diese weiten
ausdehnen möchte. für die altaier ist das ein aspekt der kraft des
herzens. (4) für die alten chinesen dagegen ist es die energie der
leber, die sich des nachts in die welt der träume bewegt (weswegen
gemäß der traditionellen chinesischen medizin der alkohol das
träumen so stark beeinträchtigt). das an der geschichte mit der
leber etwas dran sein muss, belegen auch die erfahrungen heutiger
träumender, die durch die zusätzliche gabe von vitamin B-
komplexmitteln ihre traumerinnerungen verdeutlichen können.
erstaunlich ist jedoch, dass auch die taoisten übungen kannten,
bei denen sie sich zur vertiefung ihres träumens mit den kräften
des polarsternes zu verbinden übten. (5)
lassen wir einmal die mythologie des altaiischen traumraumes
beiseite, so bleibt doch übrig, dass träumende eine angenehme
vertiefung ihres traumerlebens beschreiben, in dem sie sich mit
dem öffnen und vertiefen einer kosmischen raumerfahrung befassen.
wie begegnen wir unseren träumen?
kommen wir zunächst zu unserer traumerfahrung in shodojevs ail
zurück: als wir uns unsere heimatliche wohnung erträumten, fühlten
wir uns von jenem raum des träumens angezogen oder bewegten wir
uns willentlich dort hin? manche träumerInnen beschreiben, sie
würden sich diesem raum hingeben und andere fühlen sich wie von
einer starken kraft überwältigt. wenn wir den aborigines glauben
schenken, dann ist der traum im berg, stein, fluss oder dem tier
enthalten und wird vom sensiblen träumer lediglich aufgefangen.
die altaier meinen, es wären ihre berge, die uns die träume
schicken. aber würde auch eine bewusstlose person dort träumen?
wäre es möglich, dass die träume gleich einem 'bewusstseinsraum'
um uns herum schweben und schliesslich von einem gegenstand bloß
reflektiert werden, so dass uns die illusion entsteht, der traum
würde beispielsweise von diesen bergen ausgehen!?
wenn wir eine sogenannte schamanische reise unternehmen, uns also
dem monotonen klang einer trommel oder einer rassel hingeben,
entsteht bei manchen übenden ein weg, der in die ober-, mittel-
oder unterwelt führt. (6) ist dieser weg das ergebnis einer
suggestion darüber, was bei diesen reisen passieren soll oder
beschreiten wir durch die auslösung eines trancezustandes
tatsächlich eine andere raumqualität? was passiert mit dem raum
unserer erfahrung, wenn wir uns ein ereignis der nächsten tage vor
unserem geistigen auge vorzustellen versuchen? auf welche weise
beeinflusst die visualisierung der strecke eines 100m-läufers sein
anschließendes laufergebnis, wovon leichtathleten immer wieder
zeugnis ablegen!? (7) was passiert, wenn shodojev uns einlädt,
unsere heimstatt aufzusuchen und damit die existenz schamanischer
begabungen unter uns deutlich zu machen versucht!? warum spricht
carlos castaneda von der bedeutung der 'öffnung des spaltes in der
wirklichkeit' für unsere spirituelle entwicklung!? (8)
auf dem hintergrund dieser fragen scheint es mir von bedeutung,
für das verstehen unseres träumens etwas mehr von unserem raum-
empfinden zu begreifen. kehren wir also nochmal in den ail von
nikolai zurück: er bat uns darum, uns in unsere wohnung zu hause
zurück zu versetzen. wie haben wir das gemacht!? haben wir unsere
füße auf den holzdielen unsers fußbodens gefühlt? haben wir uns
von oben, durch das dach unseres hauses in die wohnung gleiten
lassen? sind wir so, als würden wir uns gehend darin bewegen,
durch die räume gegangen? und haben wir dabei den traum-raum VOR
unserem auge gesehen? könnten wir ihn auch rechts oder links NEBEN
uns sehen? lauter fragen, die sich auf die räumliche organisation
unserer traumerfahrung beziehen.
könnten wir herausfinden, ob jemand unsere anwesenheit bemerkt
hat? wir könnten – geträumt - einen gegenstand verschieben und bei
unserer rückkehr nach ihm schauen. wir könnten auch nachfragen, ob
jemand zum zeitpunkt unseres wachtraumes an uns gedacht oder
unseren geruch plötzlich in der wohnung bemerkt hat. (aspekte, die
erfahrene traumerInnen vom 'rad des luziden träumens' kennen;
siehe 1) aber würde unsere nachfrage nicht bereits suggestiven
charakter haben!? wir würden schnell an das gleiche problem
stoßen, das quantenphysiker bei der betrachtung von lichtphotonen
entdeckt haben: jene 'lichtteilchen' verhalten sich eben so, wie
der versuchsleiter denkt, dass sie es tun. bei einem anderen
versuchsleiter tun sie es dann anders. mehr lässt sich mit
gewissheit nicht herausfinden. das ist die bleibende unschärfe
unserer wahrnehmung. (9)
die schamanin, maria, machte eine andere übung, um die
schamanische begabung einer mitreisenden zu prüfen: sie bat darum,
auf ein glühendes stück holz im feuer zu schauen und ihr zu
berichten, was sie dort sehen würde... wieder war es
imaginationskraft, die hier als die entfaltung einer schamanischen
begabung verstanden wurde. war schamanisches sehen also gabe des
geschichtenerzählens? war also der gute alte 'rote großvater' oder
der 'arabische erzähler von tausendundeinernacht' ein schamane!?
gehen wir nochmal zum idolstein zurück: ich legte meine hände auf
den stein und das bild entstand vor meinen augen. ich habe
mitreisende befragt: andere schauten mit ihren händen 'in den
stein hinein' und fanden die bilder dann dort drinnen. auf
nachfragen bestätigten sie mir, dass aber der raum der bilder
schließlich viel größer gewesen sei, als der stein selbst.
am anfang unserer reise durch die welt der träume sind viele von
uns froh, sich – wieder - ihrer träume zu erinnern. im weiteren
bemerken wir die fähigkeiten unseres geistes, einen beliebigen
gegenstand unserer traumwelt, ein symptom oder eine person
'aufträumen' (siehe 1) zu können: d.h. wir lernen mit jenen in
diesen objekten befindlichen parallelen realitäten kontakt
aufzunehmen. nach längerem üben bemerken wir, dass dieser prozess
von unendlicher kreativität ist. wir entdecken in den objekten
unseres träumens immer neue wirklichkeiten und drohen darin unter
zu gehen.
die welt ist eine russische matrjoschka-puppe
schließlich bemerken wir den raum, in dem all diese dinge
geschehen. wir bemerken den hintergrund oder das umfeld der
inhalte unseres träumens und lösen unsere wahrnehmung vom
traumobjekt selbst. eine wunderbare entspannung ergreift uns und
wir erleben ungeahnte weiten. wir entdecken auch, dass die
wirklichkeit wie eine russische matrjoschka-puppe aufgebaut zu
sein scheint: wie bei diesen ineinander steckenden püppchen
entsteht beim wahrnehmen eines einen raumes, darin ein weiterer
raum: unsere hände auf dem idolstein, in dem stein eine
landschaft, in der landschaft eine person, diese person ein symbol
für eine kraft, diese kraft in der natur...
oder auch auf diese weise: in dem traum ein bär, in dem bär seine
muskeln, in den muskeln seine wasser- und eiweißmoleküle, in den
molekülen die atomaren bestandteile, in den atomen die unendlichen
weiten subatomarer welten mit ihrem enormen energiepotential.
immer wieder räume in räumen. alle versuche, mir etwas ohne raum
vorzustellen scheiterten. wenn sie als leserIn von diesem
manuskript aufschauen, ist alles was sie sehen erst möglich durch
raum. (außerdem braucht es noch ein paar atomare teile, wie z.b.
kohlenstoff: der zwar berühmtheit erlangt hat, wegen seiner
auswirkungen auf unser klima, aber viel bedeutender ist seine
rolle als bestandteil all dessen, was in unserer
konsenswirklichkeit erscheint. bedenken sie beispielsweise, dass
ein baum mit diesem blick eine dreidimensionale erscheinung von
gebundenem atmosphärischem kohlenstoff ist.) eine kugel ohne raum
wäre keine scheibe, nicht mal ein punkt bliebe davon übrig. alle
gegenstände unseres träumens bleiben abhängig von der existenz
eines raumes. tartang tulku schreibt dazu: "unterdessen bleibt
raum, anders als die objekte auf eine unauffindbare und
unfassliche art und weise unendlich." (10)
das klassische weltbild mit einem festen gottesbild sagte, raum
ist einfach da. war schon immer da und wird das auch bleiben. das
änderte sich zunächst in der mitte des neunzehnten jahrhunderts,
als physiker sich mit besonderheiten in der bewegung von licht
beschäftigten. das ergebnis war verblüffend: raum wird durch
gravitation verbogen. wir können uns das wie ein netz vorstellen,
das in den unendlichen weiten des kosmos ausgespannt liegt. in
dieses netz legen wir nun kugeln, gleich verschieden großen
planeten, hinein. wo immer ein planet sich befindet, ändert sich
die spannung dieses netzes. wo die maschen größer werden, wird der
raum weiter und die zeit langsamer und dort, wo die maschen sich
verengen, wird der raum enger und die zeit scheint dahin zu rasen.
(11) dies war der anfang des relativistischen weltbildes. ein dazu
gehöriges gottesbild mußte besagen, dass, wenn viele menschen an
einen gott glauben, dieser sich in seiner wirkung verstärkt. wenn
seine anhänger weniger werden, nimmt seine wirkende qualität
wieder ab. aber immer noch galt als grundlage, dass vergangenheit
und zukunft unwiderbringlich in die gegenwart eingeäzt sind. wir
können mit sicherheit aussagen, auf welcher sitzunterlage wir uns
während des lesens dieses manuskriptes befinden.
dann aber entdeckten physiker, dass alle dinge der wirklichkeit
von einer art dunstschleier umgeben sind und erst, wenn sie teil
eines versuchsaufbaues wurden, entwickelt sich ihr potential in
die eine oder andere richtung. das heißt selbst unter besten
versuchsbedingungen läßt sich nurmehr eine gewisse
wahrscheinlichkeit dafür bestimmen, ob sich ein objekt an einem
definierten ort im raum auch aufhält (12): die quantenmechanik und
die nichtlokalität des raumes wurde entdeckt. für sie als
träumende leserIn bedeutet das, sie können sich mit ihrer
phantasie auch in eine andere wirklichkeit bewegen. mit etwas
übung in 'traumkörperarbeit' gelingt ihnen womöglich auch eine
kleine verschiebung von teilaspekten ihres seins zu einem
geliebten menschen und plötzlich ruft diese/r grade an... im
alltag nennen wir das synchronizität.
schließlich erarbeiteten die physiker das unglaubliche: von nun an
konnte es keinen absoluten gott mehr geben. bei der entdeckung hat
selbst der geniale albert einstein versucht, seine mathematischen
berechnungen zu verändern: dieser raum um uns dehnt sich beständig
aus. es muss einen urknall gegeben haben, meinte man nun, der
diese bis heute unseren raum ausdehnende energie freigesetzt hat.
was da 'knallte', warum es das tat und wie lange womöglich noch
seine wirkungen anhalten werden, ist aktueller inhalt
physikalischer diskussionen.
folgen wir also diesen besonderheiten der struktur des raumes,
finden wir uns unmittelbar bei einer vielfalt von traumphänomenen
wieder: der fähigkeit träumender, sich an andere orte zu
versetzen, der erfahrung, das gefühl für raum und zeit verändern
(verlangsamen oder verdichten und beschleunigen) zu können und die
nichtlokalität von erfahrungen, wenn beispielsweise mehrere
träumerInnen einen gemeinsamen traumraum betreten, lassen sich
einfach mit dem heute zugänglichen wissen für raumqualitäten
beschreiben.
der traum vom ende der welt
als kind hatte ich einen wiederkehrenden traum, bei dem ich mich
zunächst auf einem feldweg befand, der mich schließlich auf eine
kuhweide führte. ich sah am ende dieser wiese einen alten
kopfweidenbaum, dessen zweige sich über ein lädiertes holzgatter
neigten. träumend fühlte ich mich von dieser szene wie magisch
angezogen. weil es mir mehrmals passiert war, dass ich im traum
hinter dieses gatter geraten war, wusste ich, dass sich dahinter
'das ende der welt' befand: eine schwarze, unendliche weite mit
einigen leuchtenden sternen darin und ich fürchtete mich sehr,
dort herunter zu fallen. erst im laufe meiner übungen mit dem
schamanischen träumen lernte ich, mich diesem ort so zu nähern,
dass ich die bewegung mehr und mehr selber bestimmen konnte. und
meine angst vor der unendlichen weite wandelte sich in eine
gespannte neugierde auf die größe dieses raumes um, bis ich mich
schließlich geborgen und getragen darin fühlen konnte.
bedeutet unsere arbeit mit träumen also ein vertiefen und vertraut
werden, mit den uns umgebenden weiten der welt!? und lässt sich
einsteins sorge für den träumenden damit übersetzen, dass wir uns
vom dogma eines absoluten gottesbildes zu verabscheiden haben, nur
um uns der fortschreitenden unendlichkeit des träumenden geistes
anzuvertrauen!? dann könnten wir mit unserem 'träumenden selbst'
der angst vor dem verlust all dessen was wir sind, mutig entgegen
treten.
platons höhlengleichnis
über diese fragen dachten auch die menschen der griechischen
kultur schon nach.es gibt ein gleichnis von platon, dass an dieser
stelle erwähnung finden kann: er beschreibt eine höhle, in der
eine gruppe von menschen mit dem rücken zum eingang, vor einem
raumteiler aus stoff sitzt. dahinter sitzen neben einer
feuerstelle puppenspieler, die geschickt mit ihren fingern
schattenspiele an die rückwärtige höhlenwand werfen. platon meinte
nun, die meisten menschen würden fasziniert auf diese
schattenrisse schauen und sie für die wirklichkeit ihres lebens
halten. nur wenige zuschauer würden sich fragen, wie es denn zu
diesen schattenspielen käme und würden daher auf die existenz der
schattenspieler kommen. aber die allerwenigsten würden ihre
unzufriedenhait mit dieser szene zum ausdruck bringen, aufstehen
und einfach die wirklichkeit außerhalb der höhle zu erkunden
wagen. (13) was bedeutet dieses gleichnis nun für unseren umgang
mit den träumen?
die meisten menschen sind so sehr befasst mit dem, was ihnen ihr
leben an erfahrung zumutet und schenkt, dass sie nicht auf die
idee kommen, einen zusammenhang zwischen ihrem nächtlichen
traumchaos und den schwierigkeiten ihres lebens zu erfassen. 

es gibt einige wenige, die sich schließlich dafür interessieren, wie
es zu jener vielfalt und jenem reichtum unserer traumwelt kommt.
sie gelangen zu einfachen einsichten in die natur unseres seins
und auf welche weise kräfte des umfassenden unbewussten einfluss
auf unser tageserleben nehmen. mag sein, dass sie als ursache
dafür ihre träume verstehen, oder jene wesenheiten erkennen, die
die träume in uns entstehen lassen. andere mögen es lieber, eine
göttliche kraft für ihr erleben verantwortlich zu machen.
jedenfalls befassen sich diese zuschauer alle mit den
schattenspielern des gleichnis'. aber die allerwenigsten
träumerInnen getrauen sich die einsicht zu, dass wir den raum um
uns selbst in seiner tiefe und weite erschaffen. dass wir
aufstehen und die welt um uns herum erkunden können. das
jedenfalls ist das, was naturwissenschaftler heute mit der
hologramm-hypothese des universums meinen (14) Und was stephen
hawking meint, wenn er schreibt, dass raumzeit von jedem von uns
anders wahrgenommen wird und als solche immer zutiefst persönlich
ist. (15)
kehren wir also zu nikolai shodojevs beispiel vom anfang dieses
textes zurück und machen wir uns folgendes klar: wir sind dazu in
der lage, unseren geist an einen beliebigen anderen ort zu
versetzen. dies können wir im träumen ebenso unternehmen, wie bei
wachem geist. machen wir uns dabei auch klar, dass wir damit räume
in uns und um uns erschaffen können, in denen wir mit einiger
übung besondere wahrnehmungen entfalten können und die uns darin
unterstützen, uns in raum und zeit leichter zu orientieren. denken
wir an die übung mit dem riesenkörper oder auch an die
leistungsverbesserung des sportlers. wir können den gegenständen
unseres alltäglichen lebens feste plätze im raum geben, so dass
wir weniger nach ihnen suchen müssen. wir können lernen, uns auch
ohne navigationsgerät in fremden städten zu orientieren oder
unseren zeitplan an den räumlichen gegebenheiten des alltags zu
orientieren, so dass wir uns nicht 'zuvielinzuweingzeit' zu tun
vornehmen. wir können lernen, uns leichter und schmerzfrei im raum
zu bewegen oder sogar freude an tanzenden bewegungen im raum
entwickeln: um hier beispiele für kreative umgangsformen mit
unserer raumerfahrung im alltag zu erwähnen. bedenken wir, dass
wir eine zeit der gewöhnung brauchen, die uns umgebende räumliche
tiefe und weite immer vollständiger und schließlich auch
vertrauensvoll zu erfassen. ein dabei entstehendes gefühl wird
urvertrauen genannt. erlauben wir uns einzusehen, dass wir während
dessen vorraussetzungen für fähigkeiten erschaffen, die heute
vielen unserer mitbewohnerInnen als bloße phantasterei erscheinen:
wir sprechen von dem sanften übergang zwischen zukunftplanung und
visionärer schau auf zukünftig bevorstehende ereignisse; von
konzentrativer unterstützung von körperfunktionen wie entspannung
oder immunreaktionen bis zu beeinflussung der formbildenden
struktur von materie (fähigkeiten, zellerkrankungen beispielsweise
unseres immunsystems zu beeinflussen oder uri gellers
gabelbiegen); wir können uns selbst an andere orte bewegen, wie
wir es bei nikolai im ail erfahren haben. in der fernsehserie
'raumschiff enterprise' hieß das früher 'beamen'. tatsächlich
stehen wir an der schwelle einer revolutionierung unseres
fernreiseverkehrs durch teleportation! all diese fähigkeiten
erscheinen am anfang des neuen jahrtausends im bereich des
menschen-möglichen zu liegen. so können wir uns durch
beschäftigung mit unseren träumen auch zu raum-zeit-pionieren
entwickeln. das wird uns unser sterben erleichtern, wo es nicht
mehr aufzuhalten ist, und es wird uns wohlbefinden bringen,
solange wir noch leben. und sicher auch entspannung, in einer
schnelllebigen welt. vielleicht, wenn wir uns weit genug in das
uns umgebende universum hinaus trauen, werden wir an seinem rand
einem kosmischen narren begegnen, der unser antlitz trägt und
herzlich lachen.
literaturhinweise:
  1. (1)  bernhard schlage; leben in der traumhütte; hannover 2010
  2. (2)  tartang tulku; raum, zeit und erkenntnis; münchen 1983; s.41
  3. (3)  john stevens; the essence of aikido; japan 1993; p.16
  4. (4)  n.a. shodojev; der altaiische billik -alte weisheitslehren aus dem sibirischen altai; berlin 2006; s.24
  5. (5)  mantak ghia; darkness technology; www.universal-tao.com/darkroom, januar 2008; s.3
  6. (6)  michael harner; der weg des schamanen; münchen 2004; s.68ff
  7. (7)  michael murphy; der quantenmensch; wessobrunn 1996; s.469
  8. (8)  carlos castaneda; reise nach ixtlan; frankfurt/main 1979;s.192
  9. (9)  bill bryson; eine kurze geschichte von fast allem; münchen2004; s.188

(10)tartang tulku; LIT a.a.o.; s.30
(11)stephen hawking; die illustrierte kurze geschichte der zeit;

hamburg 1997; s.19
(12)brian greene; der stoff aus dem der kosmos ist; münchen 2008s.25
(13)jostein gaardner; sophies welt; münchen 1993; s.110 (14)brian greene; a.a.o.; s.540f
(15)stephen hawking; a.a.o.; s.44

kontakt:
bernhard schlage
körperpsychotherapie, schriftstellerei
gemeinschaftspraxis kugel e.v.
in der steinriede 7, hofgebäude
30161 hannover
telefon & fax 05 11 / 161 42 11
e-mail: post@bernhardschlage.de
internet: www.bernhardschlage.de

 

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